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Jordanische Pflegekräfte: Hilfe aus der Schweiz des Nahen Ostens

Von Es ist eine Win-win-Situation: Der Bad Sodener Harald Fischer hat sich selbstständig gemacht. Er vermittelt jordanische Pflegekräfte an Krankenhäuser. Die kommen keineswegs nur aus finanziellen Gründen gerne nach Deutschland.
Ein Trio als Familienunternehmen: Harald Fischer (rechts) mit seiner Schwester Susanne Albicker (links) und Ehefrau Uta Fischer. Bilder > Ein Trio als Familienunternehmen: Harald Fischer (rechts) mit seiner Schwester Susanne Albicker (links) und Ehefrau Uta Fischer.
Main-Taunus. 

„Wall of Fame“, nennen sie scherzhaft die Pinnwand, an der Fotos von 23 jungen Krankenpflegern hängen. Die meisten kommen aus Jordanien, sie alle haben in den Kliniken der Region einen Arbeitsplatz gefunden. Vermittelt durch „Medical Work Solution“, einer Agentur, die Bad Sodens ehemaliger Bürgermeisterkandidat für die Grünen, Harald Fischer, vor zwei Jahren mit Ehefrau und Schwester gegründet hat.

Mit seinem Sprung in die Selbstständigkeit ist der ehemalige Pflegedirektor mehr als zufrieden. Bedarf sei angesichts von Pflegekraftmangel mehr als vorhanden und die jordanischen Kräfte sehr gut ausgebildet, schwärmt Fischer, der schon mehrfach ins Königreich geflogen ist. „Der Pflegedienst genießt dort ein hohes Ansehen.“ Man mache darin den Bachelor oder sogar Master, die Bezahlung sei gut.

Sie schätzen Freiheiten

Daher lockten nicht finanzielle Gründe die Mitte 20- bis 30-Jährigen nach Deutschland, sondern eher die Möglichkeit, mit einem einzigen Visum den ganzen Schengen-Raum zu bereisen. Zu schätzen wisse man auch die hiesigen Freiheiten. „In Jordanien ist es üblich, dass der junge Mensch im Elternhaus lebt bis er heiratet – es ist ein bisschen wie im Deutschland der 50er Jahre . . .“, erklärt Ehefrau Uta.

Wichtig sei ihnen, die jungen Leute auch außerhalb der fachlichen Schulung engmaschig zu betreuen. „Wir holen sie schon am Flughafen ab, besorgen ihnen eine Unterkunft, helfen beim Einleben.“ „Handkäs’ fanden sie schon ganz lecker.“ Die gute Betreuung habe sich wohl rumgesprochen. Es gebe jedenfalls viele Anfragen, 60 Anwärter stehen zur Vermittlung bereit. Männer und Frauen, für Intensiv-, Kinderintensiv,- Anästhesie- und OP-Bereich oder als Hebamme.

Sprache ist wichtig

An mangelnder Begleitung scheitere sonst manches Arbeitsverhältnis ausländischer Helfer, weiß Fischer, der als Pflegedirektor selbst mit Hilfe von Agenturen Fachkräfte aus dem europäischen Ausland für seinen Arbeitgeber rekrutiert hatte und erleben musste, dass manch einer frühzeitig frustriert das Handtuch geworfen hatte, mal aus Heimweh, dann wieder wegen der Sprachprobleme. Erfahrungen, die auch Ehefrau Uta in ihren 30 Berufsjahren als Kranken- und Intensivschwester gemacht hat.

Hier setze man an, checke schon an Ort und Stelle, wer wirklich geeignet und motiviert sei und versiert in der deutschen Sprache. „Bei uns muss es mindestens die B 2-Prüfung sein.“ Darüber hinaus unterrichte man die Bewerber via Skype im Krankenhausvokabular, in Grundpflege, aber auch interkulturell. Dabei stelle man klar, dass man im deutschen Krankenhaus Männer und Frauen gleichermaßen zu betreuen habe. Wer damit ein Problem habe, sei fehl am Platz. „Einen Mann, der einer Frau keine Hand gibt, würden wir ohnehin nicht vermitteln“, erklärt Susanne Arbicker, Fischers Schwester und langjährige Praxismanagerin. Jordanien sei aber recht offen, gelte sogar als „Schweiz des Nahen Ostens“.

Das Feedback der aufnehmenden Kliniken gebe ihrem Konzept recht, auch persönlich habe man viel gewonnen durch den Austausch mit den jungen Leuten und ihrer Herzlichkeit. Unkomplizierter würde sich das Familien-Trio allerdings den Weg bis zum Job-Eintritt wünschen. Drei Behörden seien involviert, mit meist unbekanntem Zeitfenster für die jeweilige Genehmigung von der Anerkennung des Abschlusses bis zur Aufenthaltserlaubnis. „Wir brauchen rund 180 Behördenschritte.“ Dinge, die ein Einwanderungsgesetz erleichtern könne.

Um kleine Verbesserungen zu erzielen, sei er im Gespräch mit dem Regierungspräsidium, so Fischer. Schade sei auch, dass es keine Informationen darüber gebe, welche Berufe die Neuankömmlinge in den Flüchtlingsheimen mitbringen. Eher zufällig habe man eine sehr tüchtige Philippinin entdeckt und vermittelt.

Bewerbungsgespräche führe man übers Internet und staune manchmal über die Schlagfertigkeit der Bewerber. „Können Sie sich denn als Moslem vorstellen, in einem christlichen Krankenhaus zu arbeiten“, hatte jüngst eine Frage im Vorstellungsgespräch gelautet. „Bei uns ist die Religion Privatsache“, hatte der Jordanier schlagfertig geantwortet. „Ich hoffe, das ist bei Ihnen auch so!“ Den Job habe er bekommen.

Neulich erst habe man sogar eine Anfrage aus Bremen bekommen. „Das haben wir aber abgelehnt.“ Denn ihr Konzept beruhe auf einer engmaschigen Betreuung der Bewerber.

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