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Tote Vögel auf jeden Fall melden: Tierärztin: Für wen ist die Vogelgrippe gefährlich?

„Die Vogelgrippe in dieser Form ist ein von Menschen gemachtes Problem“, zitiert die Hattersheimer Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies den Rotterdamer Virologen This Kuiken, als HK-Redakteurin Christine Sieberhagen sie zu der Epidemie befragt, die viele Menschen verunsichert. Die Veterinärin erklärt, weshalb Wellensittich & Co. nicht gefährdet sind und was beachtet werden muss, wenn man einen toten Vogel findet.
Dr. Kirsten Tönnies Dr. Kirsten Tönnies

Frau Dr. Tönnies, welche Vögel sind betroffen? Sind Wellensittiche und Co., die in der Wohnung leben, gefährdet? Können sich Hunde und Katzen anstecken?

DR. KIRSTEN TÖNNIES: Nein, denn Vogelgrippe ist nicht gleich Vogelgrippe und Vogel nicht gleich Vogel. So wie Mensch, Hund, Katze, Pferd unterschiedliche Arten sind, so sind das Huhn, die Ente, der Wellensittich, der Mäusebussard auch jeweils eine unterschiedliche Art. Das Virus der Vogelgrippe (Aviäre Influenza) ist nicht für alle Vögel gleichermaßen gefährlich. Für dieses spezielle H5N8-Virus sind bisher keine Infektionen von Papageienvögel bekannt, zu denen auch der Wellensittich gehört.

Von den aktuellen Viren geht vor allem eine Gefahr für Hühnervögel wie Haushuhn, Pute und Gänsevögel – zum Beispiel Gänse, Enten, Schwäne aus.
Wichtig: die Tiere erkranken nicht an den Viren – aber sie können sie als sogenannte Vektoren in und an sich tragen und so zur Verbreitung der Viren beitragen.

Soll man trotzdem Gartenvögel füttern und was ist dabei zu beachten?

TÖNNIES: Da die üblichen Besucher der Futterstellen keine Hühner oder Wasservögel sind, kann beziehungsweise soll ruhig gefüttert werden. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hierbei eher auf der Art des Futterangebotes, dass nämlich auch die seltenen Vögel berücksichtigen sollte. Die Hygiene ist immer ein Problem. Deshalb sind Futterstellen besonders geeignet, wenn die Vögel nicht durch das Futter hindurchlaufen oder reinkoten können. Deshalb sollten die Futterreste und Kotansammlungen immer wieder gründlich entfernt werden.

Woran erkennt man kranke Tiere?

TÖNNIES: Im Falle eines hoch akuten Verlaufs von H5N8 sieht man fast keine Symptome, die Vögel liegen plötzlich tot da. Normalerweise tarnen sich Vögel, so lange es geht und zeigen wenig Krankheitssymptome. Wenn Vögel an dieser hochpathogenen Variante der Vogelgrippe erkranken, zeigen sie klassischerweise gesträubtes Gefieder, Durchfall, bläulich verfärbte Beine und Köpfe und Hälse mit den Anhangsorganen. Dazu atmen sie schwerer mit geöffnetem Schnabel, niesen mit Sekretbildung aus Schnabel und Nasenöffnung.

Aktuell erklärt Peter Petermann vom WAI (Wissenschaftsforum Aviäre Influenza): Infizierte Vögel fallen durch ihr Verhalten auf, insbesondere durch kreisende Kopfbewegungen und andere krampfartige Bewegungen. Darauf sollten Beobachter achten und Zeitpunkt, Ort und Art notieren und in ornitho.de eingeben oder sonstwie weitermelden. Die Krankheit selbst verläuft rasch. 1 bis 3 Tage nach der Infektion sind die meisten Vögel tot.

Welche Vorsichtsmaßnahmen werden empfohlen?

TÖNNIES: Für die gesperrten Bereiche gelten natürlich gesetzlich vorgeschriebene Verhaltensweisen und Hygienevorgaben. Alles was den Stall verlässt, wird desinfiziert, die Kleidung wird gewechselt, beziehungsweise es wird extra Schutzkleidung getragen. Da gibt es mittlerweile regelrechte Marsanzüge.

Grundsätzlich gelten in einem normalen Haushalt die üblichen Hygienemaßnahmen, die man immer bei Geflügelfleisch anwenden sollte: gut abwaschen, sauber trocknen und ausreichend lange erhitzen. Die Gefahr einer Salmonellose ist ungleich größer, als die Gefahr an aviären Influenzaviren zu erkranken. Man kann infizierte Tiere im Backofen zubereiten und danach bedenkenlos verzehren.

Ist der Erreger auch für Menschen gefährlich?

TÖNNIES: Die Gefährlichkeit hängt vom Virustyp ab. Je nach Virustyp kann es zu Bindehautreizungen bis hin zu Lungenentzündungen kommen. Für den aktuellen Subtyp H5N8 wurden noch keine Übertragungen auf den Menschen nachgewiesen. Bislang gibt es in ganz Europa nicht einen einzigen toten Menschen als Opfer von Vogelgrippe zu beklagen.

Was sollten Spaziergänger tun?

TÖNNIES: Den Spaziergang genießen. Wenn sie einen toten Vogel finden, lautet die Empfehlung vom WAI: Infizierte Vögel sollten schnellstens aus dem Gewässer entfernt werden! Kranke und tote Vögel sind als Nahrung interessant (Krähen, Blässhühner, Bussarde, Uhus...), nicht zuletzt auch für Fische, was wiederum Fischfresser gefährdet. Fische selbst infizieren sich nicht. Die Aufnahme der Viren mit der Nahrung ist für diese Arten tödlich. Dazu sollten tote Vögel keinesfalls selbst entsorgt, sondern die kreisweit organisierten Veterinärbehörden in den Landratsämtern mit exaktem Fundort informiert werden. Vögel abseits von Wasserflächen und Feuchtgebieten, die infolge einer offensichtlichen Todesursache umgekommen sind, wie Mäusebussarde als wahrscheinliche Verkehrsopfer an einer Bundesstraße oder eine Amsel unter einer Fensterscheibe, sollten hingegen nicht gemeldet werden. Leider wurden dieses Jahr wieder mehr tote Amseln gefunden, die aber an dem Usutu-Virus gestorben sind.

Was sollte man beim Kochen beachten?

TÖNNIES: Wenn es kocht, also die 100 Grad Celsius erreicht sind, wurde das Virusmaterial sicher zerstört.

Größte Sorge bereiten derzeit auch die Exportstopps für zahlreiche Länder wie Südkorea, Japan, Afrika. Man darf sich fragen, wie es möglich ist, dass es für diese Länder billiger ist, aus Deutschland Geflügel zu kaufen, anstatt es im eigenen Land zu produzieren? Die Antwort: weil Deutschland ein Billigproduzent für Tiere ist. Diese systembedingten Merkwürdigkeiten kommen sonst nicht ans Licht. . .

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