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Zeitzeugen sind aus Papier

Von Vergilbte Feldpost vom Dachboden führte zur Suche nach weiteren Zeitdokumenten und schließlich zu einem Buch von mehreren Autoren.
Alexandra Rak und Dr. Stefan Hauck im Garten des Hauses Brühlstraße 5. Hier lebte während des 1. Weltkriegs Haucks Großvater. Dessen Feldpost war Inspiration für ein Buch mit Weltkriegserzählungen mehrerer Autoren, die Rak, heute Bewohnerin der Brühlstraße 5, herausgegeben hat.	Foto: Reuß Alexandra Rak und Dr. Stefan Hauck im Garten des Hauses Brühlstraße 5. Hier lebte während des 1. Weltkriegs Haucks Großvater. Dessen Feldpost war Inspiration für ein Buch mit Weltkriegserzählungen mehrerer Autoren, die Rak, heute Bewohnerin der Brühlstraße 5, herausgegeben hat. Foto: Reuß
Hofheim. 

Alles hat damit angefangen, dass ein Hofheimer auf seinen Dachboden ging. Bei der Suche nach irgendetwas ganz anderem fiel Stefan Hauck ein Stapel alter Postkarten in die Hände. „Mein Onkel hatte sie mir mal gegeben mit dem Hinweis: Du bist doch für so ahl Gelersch zu haben“, erzählt Hauck schmunzelnd. Nun hielt er sie wieder einmal in der Hand, diese Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg, die in die Brühlstraße 5, das Haus seines Urgroßvaters Josef Linscheid, gegangen war – und wurde neu aufmerksam. 2013 war das. Der geschichtsinteressierte, promovierte Literaturwissenschaftler, Redakteur beim Frankfurter Börsenverein und Jugendbuchexperte, nahm den Stapel mit in sein Arbeitszimmer. Vielleicht, so sein Gedanke, ließe sich damit etwas anfangen im Blick auf den bevorstehenden 100. Jahrestag des Weltkrieg-Beginns.

Etwa zur gleichen Zeit befasste sich Lektorin Alexandra Rak, heute Bewohnerin der Brühlstraße 5, in einem Seminar mit dem Thema, wie sich der Erste Weltkrieg für Jugendliche literarisch aufarbeiten ließe. Dass in der Schule zwar viel über den Zweiten, aber kaum über den Ersten Weltkrieg gesprochen wird, wusste Rak aus eigener Erfahrung. Zeitzeugen gibt es so gut wie keine mehr. Wie also Jugendliche noch für diesen Krieg und seine Folgen interessieren? Für Alexandra Rak eine reizvolle Aufgabe.

Ihre Suche nach geeigneten Umsetzungsmöglichkeiten blieb aber zunächst erfolglos. Irgendwann im Herbst sprach sie Stefan Hauck, mit dem sie schon länger bekannt ist, darauf an. Der zeigte ihr die Feldpost, die über Jahre die damaligen Bewohner der Brühlstraße 5 mit Nachrichten und Bildern von der Front versorgt hatte. Rak war fasziniert. Und suchte ihrerseits, zum Beispiel bei ihrer Nachbarin Christel Geiß, nach weiteren Erinnerungsstücken aus der Weltkriegszeit. Bilder von Gefallenen, vergilbte Kirchenblättchen, Beileidsschreiben kamen zutage – „da ist bei mir gleich das Kopfkino angesprungen“, sagt Rak. Ihr Gedanke: „Wenn das schon bei mir so ist, müssten solche Erinnerungsstücke doch erst recht bei Autoren etwas auslösen können.“

Die Idee, versierte Schreiber „mit der Stimme von heute Jugendlichen von damals zu erzählen“, kam nicht nur bei Stefan Hauck gut an. Auch der Verlag, für den Rak arbeitet, und F.A.Z.-Redakteur Tilman Sprekelsen, Herausgeber der für Jugendliche gedachten Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“, ermutigten Rak. Allerdings war nun Volldampf angesagt, denn der Verlag wollte mit dem Buch natürlich noch rechtzeitig zum Jahrestag des Weltkrieg-Ausbruchs auf den Markt.

Alexandra Rak hat es geschafft. Im April erschien das fertige Werk unter dem Titel: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.“ Namhafte Autoren wie Gudrun Pausewang, Kirsten Boie, Paul Maar oder Alois Prinz sind der Einladung der Hofheimerin gefolgt, die als Herausgeberin und Lektorin fungierte, und haben, teilweise inspiriert von Fundstücken Raks und Haucks, teilweise aus ihrem persönlichen Umfeld, Geschichte aus der Perspektive nicht der großen Entscheider sondern aus der einfacher Bürger erzählt, die sie erlitten haben. „Besser als durch reine Zahlen“, hofft Rak, könne der Krieg in seinem Ausmaß und seinen Auswirkungen so von Jugendlichen verstanden werden. Ganz unterschiedlichen Alters sind die Verfasser, die Spanne reicht vom Jahrgang 1929 (Pausewang) bis 1980 (Ron Segal).

Auch Stefan Hauck hat am Ende (neben mehreren abgebildeten Feldpostkarten) eine Geschichte beigesteuert. Eine besonders schöne sogar, „Nimmersatt an Leben“ heißt sie und erzählt, wie im deutsch-russischen Grenzörtchen Nimmersatt eine Großmutter entschlossen dafür kämpft, nicht noch einmal einen geliebten Menschen durch einen Krieg zu verlieren. Für seine Erzählung – wie für zwei andere – hat bereits ein Schulbuchverlag Verwertungsrechte erworben, wie Rak berichten kann. Das war nicht die einzige positive Resonanz auf den Sammelband, der bei ersten Lesungen und Diskussionen mit Schülern bereits gezeigt hat, dass er geeignet ist, eine Auseinandersetzung mit dem scheinbar so lange zurückliegenden Ersten Weltkrieg anzuregen.

„100 Jahre – was ist das? Es waren unsere Großeltern, die das damals mitgemacht haben“, sagt der 50-jährige Stefan Hauck. So lautet denn auch die Widmung in dem Buch, das auf Hofheimer Dachböden und in Hofheimer Köpfen seinen Ausgang nahm: „Für unsere Großmütter und Großväter, die wir nicht mehr fragen können.“

 

Alexandra Rak (Hg.): Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, S. Fischer Verlag, Die Reihe mit dem blauen Band, Hardcover, 16,99 Euro.

 

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