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Klinikum: Patienten beleidigen und bedrohen GPR-Mitarbeiter

Die Notaufnahme im GPR-Klinikum ist wahrlich kein Ort, an dem eine ruhige Kugel geschoben werden kann. Für zusätzlichen Stress im Rund-um-die-Uhr-Betrieb sorgen indessen Patienten und Angehörige, die selbst vor Beleidigungen und Drohungen nicht zurückschrecken.
OberarztStefan Münch Bilder > OberarztStefan Münch
Rüsselsheim. 

Das ist jetzt nur Fiktion: Am frühen Samstagabend gibt es am Rüsselsheimer Bahnhof eine Messerstecherei, die einen Schwerverletzten fordert. Derweil schluckt ein dreijähriger Junge in Königstädten drei Aspirintabletten, die er für Brausebonbons gehalten hat. Am anderen Ende der Stadt haut sich eine handwerklich tätige Frau mit dem Hammer den Daumennagel blau und in Bauschheim leidet ein Mann Qualen, da seine starke Erkältung einfach nicht nachlassen will. Die Wege all’ dieser Menschen aus Rüsselsheim werden sich an diesem Abend an einem Ort kreuzen: In der Notaufnahme des GPR-Klinikums.

41 000 Fälle

Langeweile kommt im Souterrain der Klinik niemals auf. „Im vergangenen Jahr hatten wir in der Notaufnahme knapp 41 000 Fälle“, erläutert Stefan Münch. Der 52 Jahre alte Oberarzt leitet die GPR-Notaufnahme seit knapp zehn Jahren. Da die Notaufnahme nie geschlossen ist, waren das im vergangenen Jahr rein rechnerisch mehr als vier Fälle in jeder einzelnen Stunde.

Hektisch geht es hier meistens zu, und manchmal kochen auch die Emotionen entsprechend hoch. Und manchmal brennen bei manchen die Sicherungen durch. Münchs Eindruck: „Der Tonfall bei den Patienten und den Angehörigen ist deutlich rauer geworden.“

In der Praxis sieht das so aus, dass die Pfleger und Mediziner sich nicht nur Klagen über so manche Wehwehchen anhören müssen. „Manche schrecken auch vor Beleidigungen und Drohungen nicht zurück, wenn sie ihrer Meinung nach nicht angemessen behandelt werden“, sagt Münch.

Dabei seien es längst nicht mehr „nur“ die tatsächlich lebensbedrohlichen Notfälle, die hier eingeliefert würden. Oft kämen Patienten aus eigenem Antrieb. „Die Spannweite reicht vom an der Bettkante angestoßenen Zeh und dem berühmten ,Männerschnupfen’ über Schlaganfälle und Herzinfarkte bis hin zur schweren Verletzung nach einem Unfall oder einer Auseinandersetzung.“ Münch sagt: „Selbstverständlich hat die schwere Verletzung oder der Herzinfarkt Vorrang gegenüber der triefenden Nase.“ Die meisten Besucher, die mit einer Lappalie in die Notaufnahme kämen, akzeptierten dieses Auswahl-Procedere auch. Und dass sie dementsprechend geraume Zeit warten müssen. Doch manche sehen das nicht ein.

Scheiben zerschlagen

Reicht der Wortschatz der Verständnislosen dann nicht aus, um dem Unmut über angeblich zu langes Warten Luft zu machen, bekommt eben einfach mal ein Mülleimer einen Tritt. „Die eine oder andere Scheibe ist auch schon zu Bruch gegangen“, berichtet Münch. „Und da reden wir noch nicht von denen, die Drogen genommen haben oder völlig alkoholisiert sind.“ In diesen Fällen helfe dann meist sowieso nur, die Polizei zu alarmieren. Immerhin: Tätliche Übergriffe auf das Personal der Notaufnahme habe es glücklicherweise noch nicht gegeben.

Für die (hypothetischen) Eltern, deren Kind versehentlich das Aspirin verschluckt hat, mag man ja noch Verständnis haben, dass sie unverzüglich die Notaufnahme aufgesucht haben. Doch ein blaugeschlagener Fingernagel, eine Magenverstimmung oder eine heftige Erkältung rechtfertigen es allerdings nicht, das sowieso schon ausgelastete, respektive sogar oft überlastete Personal in Beschlag zu nehmen.

„Wir hören uns trotzdem jeden einzelnen Fall an“, erläutert Stefan Münch. Dann bekomme der Betreffende auch schon einmal den eindringlichen Ratschlag, doch am nächsten oder übernächsten Tag einen regulären Arzt aufzusuchen. „Aber manche Bürger bestehen darauf, dass man sich jetzt, sofort und ausschließlich um sie kümmert.“ Dass ansonsten der Anwalt eingeschaltet werde, gehöre mittlerweile ebenfalls zum sattsam bekannten Repertoire der Drohungen.

Deutliche Worte nötig

Der Oberarzt räumt zwar ein, dass sich jeder in einer Ausnahmesituation befindet, der die Notaufnahme aufsucht – ob Patient oder Angehöriger. „Dafür muss man auch Verständnis haben.“ Nicht selten sei es jedoch zwingend notwendig, gegenüber den Angehörigen deutliche Worte zu wählen. „Bei einer Untersuchung oder Behandlung können wir es nun einmal nicht akzeptieren, dass dabei noch fünf völlig aufgeregte Angehörige zuschauen.“

Dickes Fell und Schulung

Allerdings gelte in der GPR-Notaufnahme die Regelung, die Angehörigen beziehungsweise die Begleitpersonen so schnell als möglich einzubeziehen, um ihnen etwaige Ängste und Unsicherheiten zu nehmen. Auch darum investiere das GPR nicht wenig Geld, um die Mitarbeiter der Notaufnahme für solche Fälle der Eskalationen zu schulen. „Denn ein dickes Fell – und das braucht man in der Notaufnahme, reicht nun einmal bei manchen Menschen nicht immer aus“, weiß Oberarzt Münch aus jahrelanger Erfahrung.

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