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Prozess: Ist der Angeklagte zurechnungsfähig?

Tötete ein Nidderauer seinen Vater im November 2016 nach einem Streit, also im Affekt? Oder war die Tat Folge einer geistigen Erkrankung? Diese Frage versucht derzeit die Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts zu klären.
Symbolbild Foto: Peter Steffen/Archiv Symbolbild
Nidderau. 

Dem Angeklagten (44) aus Erbstadt wird vorgeworfen, in der Nacht zum 7. November 2016 seinen Vater mit dem Kinnriemen eines Motorradhelmes stranguliert zu haben. Auf Anraten seines Anwalts äußert sich der Angeklagte nicht zum Geschehen – jetzt jedenfalls noch nicht. Denn schon beim ersten Verhandlungstag hielt er sich nicht an die Order seines Anwaltes und rief beim Verlassen des Gerichtssaals, dass sein Vater in der Nacht doch gar keinen Sturzhelm getragen habe. So wie er in den Gerichtssaal geführt wird, an den Händen gefesselt und in Begleitung von gleich drei Justizbeamten, ähnelt er eher einem Häufchen Elend als einem gewalttätigen und aufgrund seines Gesundheitszustandes unberechenbaren Mann.

Wie schwer ist seine Krankheit wirklich und ist er tatsächlich so gefährlich, wie seine Nachbarn ihn einschätzen?

Schrei gehört

Das versuchte das Gericht am gestrigen Vormittag zunächst von der Nachbarin (67) des Angeklagten zu erfahren. Sie war zusammen mit ihrem Mann gegen 3.30 Uhr in der Tatnacht durch ungewöhnliche Geräusche im gegenüberliegenden Haus der Familie geweckt worden. Als die Eheleute an ihr Fenster traten, hörten sie den Schrei „Du Sau, ich bring dich um!“. Danach herrschte Stille. Sie alarmierten sofort die Polizei, die dann wenig später den 77-jährigen Vater des Angeklagten tot im Hausflur fand.

„Ich habe dem am Boden liegenden Vater den Motorradhelm abgeschnallt und mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Doch da war es bereits zu spät“, berichtet der Polizeibeamte, der zuerst am Tatort war. Daraufhin habe er das Haus nach weiteren Personen abgesucht. Die Todesursache war zu diesem Zeitpunkt unklar, weil sich um den Toten Blutspuren befanden, die in das Obergeschoss führten.

Weil sich im Erdgeschoss niemand befand, sei er ins Obergeschoss gegangen und habe dort im Bett liegend den Angeklagten angetroffen. Seine Hände seien mit Blut beschmiert gewesen, obwohl er ansonsten keine Verletzungen aufwies. „Mein Vater hat mich geschlagen und böse Sachen über mich gesagt. Da ist es zum Streit gekommen“, seien seine ersten Worte dem Polizeibeamten gegenüber gewesen. Ansonsten habe er geschwiegen und den Anordnungen der Polizei widerstandslos gehorcht. Später soll er dann noch einmal geäußert haben, dass sich sein Vater, der mindestens einen Kopf kleiner als er gewesen sei, mit den Motorradhelmen vor ihm, dem Sohn, habe schützen wollen.

Schreiben verfasst

Streitereien wollen die Nachbarn auch gehört haben. Eine Reihe von Anwohnern der Königsberger Straße, in der auch das Haus der Familie liegt, haben einen Monat nach dem Vorfall ein Schreiben verfasst und an verschiedene Empfänger, darunter auch die Staatsanwaltschaft, verschickt. Darin fordern sie von den Behörden, dass der Angeklagte nicht wieder auf freien Fuß kommt.

Sie behaupten, dass von dem 44-Jährigen eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe. So sei er in der Vergangenheit oftmals gewalttätig geworden und habe sich auch unsittlich gegenüber Kindern im Dorf gezeigt.

Eingehend versuchte Richter Dr. Graßmück daraufhin zu erfahren, wann diese Übergriffe geschehen sein sollen und wer sie beobachtet hat. „So richtig gewalttätig habe ich ihn eigentlich nie gesehen. Aber im Dorf wusste es doch jeder“, so die 67-jährige Nachbarin. Als klar wurde, dass die Behauptungen zum größten Teil auf Hörensagen und Gerüchten beruhen, war es vorbei mit der Geduld des Richters: „Was Sie mit ihrem Brief angerichtet haben, grenzt an Rufmord, Verleumdung und übler Nachrede. Damit haben Sie sich eigentlich strafbar gemacht.“ Als der Verteidiger den Ehemann ebenfalls belehrte, dass es hier um die Zukunft seines Mandanten gehe, verlor dieser die Beherrschung: „Hier ist ein Tötungsdelikt in der Nachbarschaft geschehen und nach Aussage seines Hausarztes sogar von einem an Schizophrenie erkrankten Menschen. Da sollen wir ruhig bleiben?“

Den Angeklagten scheint das wenig zu berühren. Seine Sorge gilt während der Verhandlung stets der Einhaltung der Zigarettenpause.

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