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Junge Bad Vilbelerin wächst mit Handicap auf: Leberecht macht Saskia mobil

Von Saskia Tuschl (18) ist voller Bewegungsdrang. Doch als Frühgeborene wog sie nur 450 Gramm, ist seither fast blind und geistig behindert. Die Leberecht-Stiftung der FNP hat dem Gronauer Mädchen jetzt ein spezielles Dreirad finanziert, das sie mobil macht, durch Bewegung Gesundheit und geistige Anregung bietet.
Saskia erkundet gemeinsam mit ihrem Vater Stephan Tuschl auf dem neuen Tandem die Gronauer Feldgemarkung. Saskia erkundet gemeinsam mit ihrem Vater Stephan Tuschl auf dem neuen Tandem die Gronauer Feldgemarkung.
Bad Vilbel. 

Schüchtern ist Saskia Tuschl nicht gerade. Den Reporter nimmt sie gleich an der Hand und führt ihn flugs zum Küchentisch.

Doch sie hat nach einer Netzhaut-Ablösung und einem Glaukom-Anfall jetzt nur noch eine Restsehschärfe von vier bis fünf Prozent, erläutert Papa Stephan Tuschl. Licht und Schatten, auch ein wenig Farben könne sie wahrnehmen. Aber schon ihre Füße sind zu weit entfernt, um sie noch zu erkennen. Aber sie kann sich trotzdem gut orientieren, finde sogar im Gronauer Lädchen von selbst die Milchflaschen.

Angefangen hat alles damit, dass Saskia als Frühchen in der 27. Schwangerschaftswoche mit nur 450 Gramm zur Welt kam. Eine große Herausforderung – eigentlich gilt als Mindestgewicht 500 Gramm. Am Anfang habe sie Saskia mit 0,5-Milliliter-Portionen gefüttert, erinnert sich Mutter Sabine Tuschl. Erst nach viereinhalb Monaten kam Saskia nach Hause, 1780 Gramm schwer. Inzwischen lebt sie von montags bis freitags in der Johann-Peter-Schäfer-Blindenschule in Friedberg.

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Rührend kümmern sich Sabine und Stephan Tuschl um ihr Kind, möchten ihm das Leben so unkompliziert wie möglich machen. Dabei half die Leberecht-Stiftung der FNP schon vor vier Jahren. Es ging um den Ausbau von Saskias Dachkammer mit vier großen Dachflächenfenstern, damit sie sich in der Helligkeit orientieren kann.

11 000 Euro kostete der Umbau. Das hat sich gelohnt: Saskia fühle sich in dem hellen, sonnendurchfluteten Zimmer sehr wohl, berichten die Eltern. Doch Saskias Handicap bringt es auch mit sich, dass sie sich selbst kaum bewegt, immer begleitet und gebracht werden muss. Mit 13 Jahren bekam sie von der Krankenkasse ein Schiebedreirad bezahlt, das war ihr zwei Jahre später schon zu klein. Allerdings wuchs ihr Bewegungsdrang weiter.

Krankenkasse zahlt nicht

Stephan Tuschl entdeckte später auf einer Messe ein spezielles Dreirad mit zwei Sitzen, das ihm ermöglichen würde, zusammen mit seiner Tochter Ausfahrten zu machen. Nicht nur als Freizeitspaß, sondern um ihr Bewegung zu verschaffen, die den Körper gesund halte, aber auch das Gehirn und die Sprachförderung anrege. Doch die Krankenkasse stellte sich quer.

Auch ein sich über zwei Jahre hinziehendes Widerspruchsverfahren, das der Sozialverband VdK unterstützte, brachte nichts. Umso schneller half die FNP. Der Bad Vilbeler Redaktionsleiter Thomas Schwarz nahm den Antrag im Februar entgegen, und schon Anfang Juli kam die Zusage für das 9000 Euro teure Spezialgefährt, das auch als E-Bike funktioniert. „Wir sind sehr glücklich“, sagt Tuschl. „Wir hätten nicht gedacht, dass die Leberecht-Stiftung die kompletten Kosten übernimmt.“

Jetzt machen Saskia und ihr Vater die ersten Ausfahrten hinaus in die Gronauer Feldgemarkung. Saskia ist aufgeregt. „Gucken!“, ruft sie ständig, während Stephan Tuschl kräftig in die Pedale tritt. Ihr ist das noch nicht vertraut, denn sie ist gewohnt, dass ihr stets jemand zur Seite steht.

Die erste Fahrt geht bis nach Klein-Karben und zurück, „und auf der Rückfahrt waren wir noch im Reitstall Beck in Rendel, Pferde gucken“, erinnert sich Tuschl. Das therapeutische Reiten bekommt Saskia auch in der Schule, spendiert vom Förderverein des Rosbacher Beinhardshofes. Umso zurückhaltender ist die Krankenkasse: Weil Saskia jetzt 18 ist und kein Kind mehr, werde auch keine Logo- und Ergotherapie mehr bezahlt, klagt Tuschl. Überhaupt müsse jede Kassenleistung erst mühsam erstritten werden.

Sie liebt Harley-Motorräder

Es gibt noch eine große Herausforderung: Saskia hat bald ihre Schulpflicht hinter sich. Dann gilt es, sich zu entscheiden: Darf sie noch ein Jahr länger bleiben? Ist sie reif genug, um in eine Behindertenwerkstatt zu gehen? Oder landet sie in der Tagesförderstätte, wo sie ihr Leben bis zu ihrer Rente mit Beschäftigungstherapie verbringen muss? Das befürchtet Stephan Tuschl. „Wir sehen noch Potential“, betont er. „Saskia ist ja noch so jung!“

Doch gerade in Bad Vilbel fehle es an Möglichkeiten. Drei Pflegeheime gebe es – aber keines biete integrierte Wohnprojekte für Behinderte, wie es etwa in Nordrhein-Westfalen verbreitet sei. Es könne auch sein, dass er und seine Frau wegziehen müssten, um Saskia in einer weit entfernten Werkstätte eine Wohnung zu bieten, falls es dort keine betreute Wohngemeinschaft gebe. Stephan Tuschl wartet nicht auf Spenden, sondern ist seit Jahren selbst aktiver Helfer – engagiert sich im VdK, berät andere Betroffene über ihre Rechte und Ansprüche. Der freiberufliche Software-Entwickler sagt: „Ich verbinde mein Hobby mit sozialen Geschichten, laufe ganz viel für Verbände und Stiftungen.“ Das macht er auch für Leberecht. Erst jüngst absolvierte er 22 Kilometer für den Förderverein der Friedberger Blindenschule.

Saskia hat verblüffende Leidenschaften. „Sie liebt laute Musik“, sagt ihr Papa, der sie zu den monatlichen Handicap-Discos nach Friedberg fährt. Auch nach Frankfurt-Fechenheim zur Harley Factory. Saskia mag den satten Sound der Motorräder und amerikanischer Straßenkreuzer mit V8-Motor. Längst ist sie Stammgast bei den Bikern. Vater Stephan Tuschl nutzt die Treffen zur Verkehrserziehung: Er bringt der Tochter bei, wie man die Straße überquert.

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