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Kentridges furioses Panorama auf der Ruhrtriennale

Die Erleichterung darüber, dass die Ruhrtriennale nach den vielen Diskussionen endlich beginnt, ist am Eröffnungsabend deutlich spürbar. Der Südafrikaner William Kentridge bietet bildermächtiges Prozessionstheater. Die Besucher applaudieren ausgiebig.
Fotoprobe zum Stück "The Head and the Load" bei der Ruhrtriennale. Bilder > Foto: Caroline Seidel Fotoprobe zum Stück "The Head and the Load" bei der Ruhrtriennale.
Duisburg. 

Der Beifall ist einhellig und demonstrativ: Nach 90 Minuten multimedialem Trommelfeuer erhebt sich das Premierenpublikum in der riesigen Duisburger Kraftzentrale von den Sitzen, um William Kentridges Kreation „The Head and the Load” zu feiern. Die Erleichterung darüber, dass das Festival nun endlich begonnen hat, ist förmlich mit Händen zu greifen.

Denn seit Wochen steht Stefanie Carp, die neue Intendantin des renommierten Edel-Festivals im Zentrum einer kontrovers geführten politischen Debatte, über der künstlerische Fragestellungen weit in den Hintergrund gerückt sind. Carp hatte durch ihren wankelmütigen Umgang mit der israelkritischen Hiphop-Band „Young Fathers” und ihr desaströses Kommunikations-Management für immer neue negative Schlagzeilen gesorgt.

So viel politischen Trubel hatten die Macher der Ruhrtriennale wohl kaum im Sinn, als sie das Festival unter das Motto „Zwischenzeit” stellten und die stark politisch aufgeheizten Themen Rassismus, Postkolonialismus, Migration und Vertreibung in den Fokus des Programms nahmen. Exemplarisch dafür steht nun tatsächlich „The Head and the Load” („Kopf und Last”) zur Eröffnung, eine Produktion, die bereits in der Londoner Tate Modern zu sehen war und die nun in Duisburg ihre Deutschlandpremiere feiert. Auch das ein Novum bei der Ruhrtriennale, die sonst immer mit exklusiven Eigenproduktionen eröffnete.

Kentridge, der aus Südafrika stammende Zeichner, Theater- und Opernregisseur, Film- und Animationskünstler, variiert damit einmal mehr seine Lebensthemen Rassismus und Apartheid. Mit seinem mächtigen Strom parallel ablaufender Filmbilder, Live-Aktionen, Projektionen und Tonspuren reflektiert er die Rolle Afrikas und der Afrikaner im Ersten Weltkrieg. Dass damals auch in Afrika ein blutiger Krieg herrschte und Tausende Afrikaner von den Kolonialmächten rekrutiert und zumeist als Träger gigantischer Lasten buchstäblich verheizt wurden, ist eine bis heute wenig bekannte Tatsache.

Kentridge bespielt mit seinem gigantischen Bilderbogen eine etwa 50 Meter breite Bühne, an deren Rückwand Filme und Projektionen ablaufen. Eine Schar von Instrumentalisten des Ensembles „The Knights”, ein Vokalensemble, Gesangssolisten und ein Schauspielensemble agieren ruhelos auf dieser Bühne in einer Art endlosen Prozession. Das Publikum kann aufgrund der immensen Breite des Tableaus niemals alles erfassen, was sich dort abspielt, zumal die rückwärtig ablaufenden Filme und Bilder die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Häufig sind die Live-Akteure zusätzlich als große Scherenschnitte auf der Rückwand zu sehen.

Es wird auch viel gesprochen, polyglott natürlich, mit Übertiteln. Gespielt und gesungen wird traditionell Afrikanisches, aber auch „God save the King”, Walzerseliges von Fritz Kreisler und eine minimalistisch perkussive Neukomposition von Philip Miller.

Kentridge erzählt keine stringente Geschichte, sondern breitet vielmehr ein suggestives Panorama der blutigen Historie auf, deren Folgen und schuldhafte Verstrickungen bis in die unmittelbare Gegenwart reichen.

Der Abend hat ein hohes Tempo, ist enorm rhythmisch getaktet und löst schnell einen mitreißenden Sog der Assoziationen aus. „The Head and the Load” ist hoch virtuos gemacht, bis in die kleinsten Positionen perfekt ausgeführt, von sinnlicher Kraft und in seiner Komplexität überwältigend und durchaus auch überfordernd. Ein starker Auftakt dieser Ruhrtriennale unter ungünstigen Vorzeichen.

(Von Constanze Schmidt, dpa)
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