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Restaurierung des Schächer-Fragments: Rätselhaftes Meisterwerk im Frankfurter Liebighaus

Das Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Werk des „Meisters von Flémalle“ kommt nach Jahren der Restaurierung wieder voll zur Geltung. Das Städel zeigt es zusammen mit anderen Werken im Nachbarmuseum.
Das sogenannte Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“, eines der rätselhaftesten Künstler der frühen niederländischen Malerei, wurde seit 2014 im Städel Museum restauriert. Foto: Horst Ziegenfusz Das sogenannte Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“, eines der rätselhaftesten Künstler der frühen niederländischen Malerei, wurde seit 2014 im Städel Museum restauriert.

Komplett aufklären wird man den Kunstkrimi wohl nie. Aber jetzt erstrahlt ein Bild neu, das von Kennern gepriesen, vom breiten Publikum aber bisher unterschätzt wird. Pech für das Frankfurter Städel, wo das „Schächer-Fragment“ des Meisters von Flémalle beheimatet ist. Das Bild kann es nämlich durchaus aufnehmen mit dem weltberühmten „Genter Altar“, der um 1432–35 von den Gebrüdern Van Eyck gemalt wurde.

Das ebenfalls um 1430 entstandene Flémaller Bild ist nicht so populär, da nur ein kleiner Teil des Triptychons erhalten blieb, konkret: die obere Hälfte des rechten Flügels. Das ursprünglich vier Meter breite und etwa lebensgroße Altarbild wurde im reformatorischen Bildersturm zerstört. Zudem gibt es keinen biografisch fassbaren Urheber des erstaunlich realistischen Werks. Vermutlich wurde es bei dem renommierten, aber schon betagten Robert Campin in Auftrag gegeben. Campin entwarf wohl das Bild, gemalt wurde es wahrscheinlich von Rogier van der Weyden, einem seiner besten Mitarbeiter.

Vorher, während der Restaurierung und nachher: Das Detail der beiden Soldaten wirkt jetzt farbiger und konstrastierter. Bild-Zoom
Vorher, während der Restaurierung und nachher: Das Detail der beiden Soldaten wirkt jetzt farbiger und konstrastierter.

Der hatte entweder sein Auge intensiv an der Malerei der Van Eycks geschult oder war bei ihnen sogar in die Lehre gegangen. Die Bezeichnung als Meister von Flémalle ist also nur ein Notname für einen Künstler, der mit Robert Campin identisch sein könnte. Aber das lässt sich heute schwer sagen, da damals viele Künstler etliche Helfer hatten, die nicht alle den Stil des Meisters beherrschten. Der Frage um Campin, Flémalle oder Weyden ging schon vor neun Jahren eine Städel-Schau nach.

Mehrere Varianten

Aber das Rätsel um den Künstler der frühen niederländischen Malerei wurde nicht gelöst. Mit dem „Schächer-Fragment“ schuf er jedoch „ein Schlüsselwerk der europäischen Kunst“, so Jochen Sander, der im Städel für die deutschen, holländischen und flämischen Altmeister vor 1800 zuständig ist. Jetzt ist das restaurierte Bild aber im nahen Liebieghaus zu sehen, denn dort kann man den Restauratoren bei der Arbeit über die Schulter blicken. Sie reinigen just den ebenfalls im 15. Jahrhundert entstandenen „Rimini-Altar“ aus empfindlichem Alabaster. Weitere Werke vom „Meister des Rimini-Altars“ sind nun um das „Schächer-Fragment“ in einer Sonderschau bis 18. Februar nächsten Jahres versammelt, darunter mehrere Varianten der Schächer, also der zwei Räuber oder Verbrecher, die nach dem christlichen Glauben zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden. Die Schau dokumentiert auch das Vorgehen der Restauratoren und gibt einen guten Einblick in die Museumsarbeit.

Vergoldeter Hintergrund

Von einer „buchstäblichen Wiederauferstehung eines Teils des Altarbildes“ spricht Jochen Sander. Denn das Bild zeigt zwar im Vordergrund einen der Schächer am Kreuz, daneben zwei Zuschauer. Doch der Hintergrund ist komplett vergoldet und mit Pressbrokat verziert, der kostbare Goldbrokatstoffe imitiert. Davon war zuletzt wenig zu sehen, da Schmutz und frühere Überarbeitungen viel kaputt gemacht hatten.

Blick über die Schulter während der Restaurierung des Schächer-Fragments. Bild-Zoom
Blick über die Schulter während der Restaurierung des Schächer-Fragments.

Nach der Reinigung leuchtet der Hintergrund im neuen, alten Glanz. Auch das mit handtellergroßen Modeln aufgebrachte Muster ist wieder gut zu erkennen, vor allem der Vogel mit dem Blütenzweig. Erst nach der Prägung dieses Musters wurde das Blattgold auf die Leinwand aufgetragen – heute noch ein kleines Vermögen wert. Zudem hebt das Gold den Körper des Schächers stärker hervor, der Körper wirkt viel plastischer.

Ohnehin strahlt das Bild einen „brutalen Realismus“ aus, meint Philipp Demandt, der Direktor von Städel, Liebieghaus und Schirn. Denn der Maler orientierte sich am Alltag. Oft werden die Gekreuzigten mit einer Mullbinde um den Unterleib abgebildet. Aber woher kommt die Binde? Viel näher am tatsächlichen Geschehen ist wohl, dass der Schächer ein Hemd trug. Das zog man ihm vor der Kreuzigung aus, aber der Maler bindet es ihm als Lendenschurz um. Bis in Kragen und Ärmel malt er minutiös alle Falten und Nähte, was sich am gesamten Körper fortsetzt, an Händen, Füßen und im Gesicht. Sogar die gebrochenen Beine sind medizinisch korrekt dargestellt.

„Eine geradezu visionäre Verlebendigung des Körpers“ – das Schwärmen gönnt man Jochen Sander gern. Denn neben dem Bild hängt eine kleine Kopie des kompletten Triptychons, das etwa 50 Jahre später reichlich ungelenk ausgeführt wurde. Aber immerhin gibt der Brüsseler Maler einen Eindruck vom Gesamtbild, auch wenn er sich wohl einige Freiheiten erlaubte.

Natürlich sind auch die drei ebenfalls im Städel beheimateten Tafeln zu sehen, denen der Flémaller Meister seinen Notnamen verdankt. Ein Bild zeigt die heilige Veronika, deren Haare mit einer weißen Stoffhaube verhüllt sind. Die Haube lohnt einen genauen Blick, denn sie wird von einem so plastisch gemalten Knoten gehalten, als sei der Stoff aufgeklebt – eines von vielen unterschätzten Meisterwerken des Städels.

In neuem Glanz

Liebieghaus, Schaumainkai 71, Frankfurt. Bis 18. Februar 2018. Eintritt: 7 Euro. Katalog: 24,90 Euro. Telefon (069) 6 05 09 80, www.liebieghaus.de

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