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Premiere: Schauspiel verlegt Kleists „Amphitryon“ in die heutige Geschäftswelt

Vom Verlust des Selbst und dem Finden des Ich: Andreas Kriegenburg steigt mit Kleists „Amphitryon“ im Schauspiel Frankfurt tief hinab zu den dunklen Schächten der Tragikomödie und lässt seine überzeugenden Akteure leidenschaftlich mit Kleists schönen Versen ringen.
In trister Kulisse: Alkmene (Patrycia Ziolkowska) liebt Amphitryon (Max Simonischek). Foto: Birgit Hupfeld In trister Kulisse: Alkmene (Patrycia Ziolkowska) liebt Amphitryon (Max Simonischek).

In Zeiten von Finanzkrisen, Fake News und fragilen Identitäten drohen Götter auf Normalmaß gestutzt zu werden. Da überrascht es nicht, dass Jupiter, dem es im Olymp langweilig geworden ist („auch der Olymp ist öde ohne Liebe“), als smarter Business-Man in Anzug und Hosenträgern über die Bühne des Schauspiel Frankfurt gleitet und sein Götterbote Merkur mit Aktentasche und Hornbrille den unterkühlten Charme eines erbsenzählenden Finanzbeamten versprüht.

Heinrich von Kleists Tragikomödie nach dem Lustspiel Molières, 1807 veröffentlicht, spiegelt wie kaum ein zweites Werk die Identitätskrisen des modernen Menschen. Zwei Götter kommen auf die Erde, geben sich als Menschen aus – Jupiter verbringt als Doppelgänger Amphitryons mit dessen Ehefrau Alkmene eine rauschende Liebesnacht, während Merkur in Gestalt des schlichten Dieners Sosias sein boshaftes Unwesen mit den Sterblichen treibt. So heiter Molière mit dem antiken Mythos umgeht, so ernst weitet sich bei Kleist der Verwechslungsspaß zu tiefen Rissen in der eigenen Identität.

Lustvoll knutschend

Sosias trifft bei der Heimkehr aus dem Krieg einen Mann, der aussieht, wie er selbst und wird sogar von diesem zweiten Ich mit Knüppelschlägen traktiert. Alkmene genießt eine göttliche Liebesnacht mit einem Mann, der ihrem Amphitryon zum Verwechseln ähnlich sieht, es aber definitiv nicht ist. Und über allem schwebt die Kant-Krise Kleists und seine bohrende Frage, wie wir überhaupt in dieser verwirrendsten aller Welten Wahrheit erlangen können.

Andreas Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald B. Thor holen das Stück in die global austauschbare Geschäftswelt von Heute: In den beiden übereinanderliegenden Röhren, die zwischen U-Bahn-Tristesse und Designerloft changieren, wartet, liebt, leidet und langweilt sich das Personal, wobei sich problemlos auch Flughafenräume, Kanalisationsmief oder surreale Traumwelten assoziieren lassen.

Während in der oberen Röhre zu sanftem Licht Götter-, Bade- und Verführungsszenen spielen, wartet unten die Anonymität von Großstädten, inklusive lieblos flackernder Neonröhren, Fließbänder und austauschbarer Rollkoffer, die ebenso leicht verloren gehen können wie die Egos ihrer Besitzer.

Das Übereinanderliegen der großen Tuben erlaubt ein raffiniertes Spiel mit szenischer Gleichzeitigkeit. Während unten Sosias und sein Doppelgänger Merkur darum kämpfen, wer das wahre „Ich“ ist, verabschieden sich oben Jupiter und Alkmene lustvoll knutschend voneinander, als könnten sie den sinnlichen Zauber der frisch verbrachten Nacht in den Alltag retten. Pikant: Der Gott der Götter verliebt sich derart tief in die Menschenfrau Alkmene, dass er mehr will von ihr als nur pflichtschuldigst verehrt werden. Sie soll in ihm den Gott lieben und nicht nur ihren Gatten.

Als ungekrönte Herrin über Kleists künstlich-geschwungene Sprachgirlanden windet Patrycia Ziolkowska ihren Körper, tanzt und traumwandelt, als wolle sie aus Herz, Leib und Gliedern noch den letzten Tropfen überschäumenden Gefühls herauswringen. Ihr Außer-Sich-Sein zelebriert sie so unbeirrt wie gründlich, dass ihre Alkmene in den Jupiterszenen mehr einem Gedankensplitter, einer schillernden Chimäre gleicht als der Frau eines erfolgreichen Businesstypen.

Apollinischer Glanz

Auf der Diener-Ebene gerät Friederike Ott als zänkische Charis mit dem göttlichen Double ihres Sosias aneinander. Nachdem sie temperamentvoll Dampf abgelassen hat, begreift sie erst spät, dass sich ihr Merkur selbst (abgründig: Sebastian Reiß) genähert hat. Auch Friederike Ott lässt ihren Körper virtuos sprechen: Ganz gleich, ob sie sich halsbrecherisch über das Geländer lehnt oder sich bis zum Boden nach hinten biegt, weil sie in ihrem Sosias, dem „alten Esel“, apollinischen Glanz vermutet, bis hin zur ruppigen Abkehr, mit dem sie ihrem Alten schließlich die von ihm heißersehnte Wurst vorenthält.

Während die Welt der Frauen völlig aus den Fugen gerät, wirken der Jupiter Fridolin Sandmeyers und der Amphitryon Max Simonischeks beinahe austauschbar. Jupiter startet als heißer One-Night-Stand und endet als abgestandenes Bratkartoffelverhältnis, während Amphitryon wahlweise genervt ausrastet, als er Untreue vermutet oder lässig im kompletten Anzug in der Badewanne versinkt. Beide wirken sie grundsätzlich vom Leben gelangweilt und mehr an ihrem eigenen Ego als ernsthaft an Alkmene interessiert. Bleibt die Meisterleistung von Christoph Pütthoff als hasenfüßiger Sosias, der abwechselnd vom brutalen Merkur, dem abfälligen Amphitryon oder seiner zickigen Charis die volle Abreibung bekommt.

Das berühmte „Ach!“ Alkmenes am Ende klingt diesmal zutiefst verloren. Hat ihr doch gerade Jupiter verkündet, den sie die gesamte Zeit über für Amphitryon gehalten hat, sie werde einen Halbgott von ihm empfangen: Herkules. Dass ein echtes Kind an diesem Theaterabend kurz vor dem Fallen des Vorhangs geboren wurde, war so nicht ausgemacht. Christoph Pütthoff, der frisch gebackene Vater, fehlte jedenfalls beim Applaus und konnte aus schönstem Grund den wohl verdienten Jubel nicht mehr entgegennehmen.

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