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Portrait: Schauspielerin Christina Hecke: Die Grenzgängerin

Vor zehn Jahren starb Christina Hecke, inzwischen eine der besten deutschen Schauspielerinnen, fast bei einem Unfall. Heute startet das ZDF eine neue Primetime-Serie mit ihr.
Judith Mohn (Christina Hecke) steht Kupka (Christian Berkel) gegenüber. Christina Heckes Spiel entzieht sich jeder Schublade. Foto: Manuela Meyer Judith Mohn (Christina Hecke) steht Kupka (Christian Berkel) gegenüber. Christina Heckes Spiel entzieht sich jeder Schublade.

Der Glanz der Fernsehbranche scheint an diesem Saarbrücker Oktobertag nur ein weltfremdes Versprechen zu sein. Nasskalte Witterung hat längst über dünne Kleidung triumphiert, auf einem Parkplatz des heruntergekommenen Pingusson-Bau drängt sich der Produktionsfuhrpark, während das Gebäude gehetzte Menschen in Richtung des hier noch irgendwie hinein gequetschten Caterers ausspuckt. Christina Hecke lässt sich nichts anmerken. Umgeben von tyrannischer Nachkriegsmoderne isst die 38-jährige Hauptdarstellerin der neuen ZDF-Serie „In Wahrheit“ zu Mittag. Der Drehplan ist durcheinandergeraten, die Maske wartet, um sie wieder in Kriminalhauptkommissarin Judith Mohn zu verwandeln.

An der Saar wird die zweite Folge des Formats gedreht, obwohl der Pilot „Mord am Engelsgraben“ erst an diesem Samstag gesendet wird. In Mainz verspricht man sich viel von Konzept und Besetzung: Der Realität entliehene, nur minimal verfremdete Fälle werden von Ermittlern gelöst, die sich von den Kommissar-Klonen der Konkurrenzangebote abheben sollen.

Archaische Schwere

Falls „In Wahrheit“ ein Erfolg wird, dann wahrscheinlich vor allem wegen Hecke. Sie entzieht sich jeder Schublade, ist ein natürliches Mysterium, klar und tief und zu allem bereit, auch zum Schlimmsten, zur Katastrophe. Eine existentialistische, archaische Schwere prägt ihr Spiel. Das ist selbst in einem auf den Massengeschmack zielendem Format zu erkennen: Den privaten und beruflichen Krisen ihrer Judith Kuhn verleiht sie tragische Beiläufigkeit, eine Nonchalance des Erduldens, die von keiner inneren Energie getragen wird. Stets wandelt sie am Rande des Absturzes mit einer spröden Grazie, in der diese Gefahr sich kristallisiert und zum Wesensmerkmal der Schönheit wird. Das kann nur das Leben lehren. „In diesem Beruf ist es eine Kunst, weich zu bleiben. Ich musste Umwege gehen, um mich zu finden, das hilft dabei“, sagt sie zwischen zwei Bissen.

Am Wochenende darauf hat sich Erschöpfung in Heckes Züge gegraben, an den beiden Tagen zuvor dauerten die Dreharbeiten jeweils knapp 16 Stunden. Hecke sitzt im Restaurant ihres Hotels in Saarlouis, wärmt ihre Hände an einer Teetasse und erzählt, wie aus einer in Niedernhausen und Wiesbaden aufgewachsenen Tochter eines Bankiers und einer Hausfrau eine sich früher selbst verzehrende Schauspielerin wurde. Schon mit 17 Jahren trieb sie der Wunsch nach Unabhängigkeit in die eigene Wohnung. Das begonnene Jurastudium in Frankfurt entsprach zwar ihren Interessen, füllte sie aber nicht aus. Im achten Semester, während der Zugfahrt zur Goethe-Universität, entschloss sie sich spontan, Schauspielerin zu werden. Zu alt für die Annahme an den meisten staatlichen Schule, ließ sie sich in Mainz privat ausbilden, bekam ein Anfängerengagement am Bamberger Stadttheater. Und stürzte sich mit der Konvertiten eigenen Unbedingtheit jahrelang in den Moment, entzog sich privat wie beruflich keinen Ausschweifungen, die vor allem eines waren: Abschweifungen. Sie selbst spricht von Zentrifugalkräften, die sie immer weiter vom eigenen Zentrum entfernt hätten.

Der 8. Dezember 2007, ein klarer Samstag, markiert den Beginn ihrer Katharsis. Auf der Autobahn 81 wurde sie bei Heilbronn von einem plötzlich einscherenden Fahrzeug geschnitten und von der Böschung in die Luft katapultiert. Nach 70 Metern landete ihr zerstörter Wagen auf dem Dach und sie schwerverletzt in einem anderen Leben. Die Ärzte versetzen sie in ein neuntägiges Koma. Danach waren alte Gewissheiten neuen Einsichten gewichen.

Dem gehorchte sie mit calvinistischer Strenge. Heute profitiert sie von ihren Metamorphosen, weiß: „Die Qualität meiner Entscheidungen definiert mein Wesen.“ Der Entgeistung des Dasein widersetzt sie sich, nicht nur vor der Kamera. Sinnentleerten Empfängen entflieht sie nach wenigen Stunden, steht dafür im Sommer wie im Winter gegen 4.30 Uhr auf: „Mich fasziniert die Stille des anbrechenden Tages.“ Dreht sie länger an einem Ort, sucht sie sich eine Ferienwohnung, um selbst kochen zu können. „Wenn man eine Hauptrolle spielt, ist man nur fremdbestimmt. Kochen ist Autarkie, wie im eigenen Bett schlafen.“ Und sie erwartet Ehrlichkeit. „Wir begegnen uns ständig in Projektionen. Die Bereitschaft, unbequem zu sein, nimmt ab. Mich zieht Bewusstheit an, mit allem anderen kann ich wenig anfangen.“

Unterschätzen sollte man sie deshalb nicht. Irgendwo in grundsanftem Naturell lauert eine Renitenz der Reserve. Das musste auch das ZDF erfahren. Als dort eine Renaissance des Dauerläufers „Ein Fall für zwei“ geplant wurde, war sie für die Rolle der Staatsanwältin Connie Leinfelder vorgesehen. Monatelang beteiligte sich Hecke an der Konzeption, um dann festzustellen, dass wenig von dem, was sie und Autor Florian Oeller der Figur an Souveränität und Präsenz zugeschrieben hatten, in der Endfassung der Bücher war.

„Wir müssen reden“

Bevor die Spirale wieder zur Drehung in die falsche, nach außen führende Richtung ansetzte, sandte sie trotz Warnungen ihres Umfelds eine E-Mail an Produktionsfirma und Sender. Es täte ihr leid, aber das sei eigentlich alles anders vereinbart worden, ob man sie nicht besser durch eine Kollegin ersetzen wolle. Nach wenigen Tage meldete sich bei ihr Reinhold Elschot, stellvertretender ZDF-Programmdirektor: „Wir müssen reden.“ Beide trafen sich in Mainz und sprachen lange miteinander. Danach schrieb sie alle Szenen mit ihrer Figur um und Connie Leinfelder entstieg phönixhaft einem Trümmerhaufen zerschlagener Klischees.

Geschadet hat ihr diese Widerständigkeit nicht. Sie ist gefragt, ihre Qualitäten haben sich herumgesprochen. Im Sommer drehte sie für das ZDF in Namibia und nur vier Tage, bevor sie für „In Wahrheit“ ins Saarland reiste, kam sie aus Frankreich zurück, wo sie für eine Folge der ARD-Serie „Kommissar Dupin“ vor der Kamera stand. In diesem Jahr, hat sie kürzlich ausgerechnet, war sie beinahe sechs Monate nicht in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg.

 

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