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Ausstellung: Städel wirft einen neuen Blick auf Peter Paul Rubens

Von Welche Vorbilder hatte Rubens, wie versuchte er, sie zu überbieten? Das Städel-Museum spürt der „Kraft der Verwandlung“ des Barock-Künstlers nach.
Nattern, Spinnen und ein Skorpion: Peter Paul Rubens’ Gemälde der von Perseus enthaupteten Medusa mit ihrem Schlangenhaar, um 1617/18. Nattern, Spinnen und ein Skorpion: Peter Paul Rubens’ Gemälde der von Perseus enthaupteten Medusa mit ihrem Schlangenhaar, um 1617/18.
Frankfurt. 

Blutstropfen fallen auf Christi Schultern, auf seinem Haupt sitzt die Dornenkrone, der nackte muskulöse Oberkörper ist leicht zurückgebeugt, die Arme hinter dem Rücken gefesselt. Hinter Jesus steht Pilatus, mit seiner Rechten deutet er auf den Gottessohn, die Linke, unsichtbar, scheint dessen Haupt nach hinten zu ziehen. Es ist eine außergewöhnliche Leidensdarstellung von Christus, ein Schmerzensmann in prachtvoll männlicher Schönheit, nicht gebeugt, sondern aufrecht und stolz, im Zaum gehalten allerdings von den moralischen Niederungen des Irdischen, von Untreue, Kleinmut und Verrat.

„Ecce Homo“ bildet den Auftakt der fulminanten Rubens-Ausstellung, die das Städel gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien ausrichtet, wo sie danach zu sehen sein wird. Der Clou ist freilich die Skulptur, die die Ausstellung Rubens’ „Ecce Homo“ beigesellt: Auf dem Rücken eines Kentauren sitzt ein kleiner Cupido. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit gelingt es dem kindlichen Liebesgott, das kraftvoll-triebhafte Zwitterwesen aus Mensch und Pferd im Griff zu halten, indem er den Kentauren-Kopf an den Haaren nach hinten zieht. Unverkennbar: Rubens modelliert sich seinen Christus, indem er den Oberkörper des Kentauren abmalt.

Alte Motive, neue Deutung

Die Skulptur – in der Ausstellung als Gipsabguss zu sehen – kannte Rubens tatsächlich. Sie stammt aus der römischen Sammlung des Kardinals Scipione Borghese, und die lernte der 1577 geborene Rubens während seiner von 1600 bis 1608 währenden Italienreise kennen.

Schon dieses Entree zeigt: Rubens schuf nicht voraussetzungslos, sondern hatte zahlreiche Quellen, auf die er zurückgriff. Dazu gehören antike Skulpturen ebenso wie zeitgenössische Maler aus Italien und seiner Heimat Flandern.

„Ecce Homo“ von Peter Paul Rubens (1577–1640), der den menschlichen Leib des Kentauren zum Vorbild nahm und in einem ganz anderen Zusammenhang zur Wirkung kommen lässt. Bild-Zoom
„Ecce Homo“ von Peter Paul Rubens (1577–1640), der den menschlichen Leib des Kentauren zum Vorbild nahm und in einem ganz anderen Zusammenhang zur Wirkung kommen lässt.

Aemulatio lautet der Fachterminus für die Art von künstlerischem Überbietungs-Wettstreit, die im 17. Jahrhundert sehr en vogue war. Freimütig bediente man sich der Werke seiner Kollegen und versuchte dabei, sie zu übertrumpfen. Einerseits, sagt Kurator Jochen Sander, war es zwar nötig, besser zu malen als die Vorgänger. Andererseits aber musste die Vorlage für das kennerhafte Publikum, für das man produzierte, erkennbar sein.

Die bis 21. Mai laufende Ausstellung ist voll von Beispielen, in denen Künstler zusammenarbeiteten, sich aufeinander bezogen oder einander zu übertreffen versuchten. Manchmal wünschte man sich, ein für Rubens vorbildhaftes Tizian-Gemälde im Original zu sehen statt nur als kleine Abbildung neben der Textlegende, doch Alte Meister dieser Güte auszuleihen ist manchmal unmöglich, und auch so ist diese Ausstellung von seltener schwelgerischer Opulenz. Sie zeigt etwa hundert Werke. Ein knappes Drittel davon sind prachtvolle Gemälde von Rubens.

Aufs schönste macht die Komposition der Ausstellung sichtbar, aus welcher Unmenge an Detailskizzen sich die überwältigenden Riesenformate zusammensetzen. Kein Detail, das nicht mit größter Liebe ausgestaltet und zuvor studiert wurde: von einem männlichen Unterarm über einen antiken Putto, den Rubens für sein opulentes „Venusfest“ gleich reihenweise malte, bis zu jenem Skorpion und den Spinnen, die um das Haupt der geköpften Medusa krabbeln.

Teamwork mit Breughel

Ein paar Beispiele, die bezeugen, wie sehr Rubens in seiner Zeit stand – und dort festen Willens war, der Beste unter den Besten zu werden: „Venus und Cupido“, eine brillante Tizian-Kopie, und doch eine Verfeinerung. Um den Bauch von Venus fällt bei Rubens ein weißes Tuch, das ihm Gelegenheit gibt, in der Kunst des gemalten Faltenwurfs zu glänzen. Und die Haut des Cupido schimmert, wie sie nur Rubens malen konnte. Dass Rubens darin ein Meister war, hatte übrigens, sagt Jochen Sander, schon der Antikenforscher Johann Joachim Winckelmann erkannt, der der Rubens’schen Antiken-Näherung nicht nur positiv gegenüberstand.

Um Pan und Syrinx zu malen, taten sich Rubens und Jan Breughel d. Ä. zusammen: Letzterer malte eine Flusslandschaft mit Schilf und Getier, Rubens die beiden Götter hinein – wobei er Syrinx nach einer Venus Pudica und den Hirtengott Pan nach dem antiken Torso Belvedere gestaltete.

Der von Cupido gezähmte Kentaur, Gipsabguss einer römischen Skulptur aus dem 1.  oder 2. Jahrhundert nach Christus.   Abbildungen: Städel Bild-Zoom Foto: (70170501)
Der von Cupido gezähmte Kentaur, Gipsabguss einer römischen Skulptur aus dem 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus. Abbildungen: Städel

Was die weibliche Schönheit anbelangte, schwanken seine Darstellungen zwischen antikischen Vorbildern und zeitgenössischen Idealen: Die Wohlgenährtheit und Fülligkeit vieler Figuren sollte man vor dem Hintergrund einer von Hunger und Armut bedrängten Zeit begreifen. Rubens’ üppige Formen standen für Wohlstand und Glück, und so durfte auch seine zweite Gattin Hélène Fourment als nackte Venus herhalten: Die männlichen Körper hingegen orientieren sich allein an den antiken Idealen herkulischer Kraft. Der Zeitgenosse, so war Rubens’ unumstößliche Meinung, frönten nicht nur Speis’ und Trank im Übermaß, sondern ließen es überdies an entsprechendem Training vermissen. Am griechischen Herkules Farnese, den er in Gestalt einer römischen Kopie aus dem 3. Jahrhundert nach Christus kannte, betrieb er exakte Muskelstudien. Sie leiteten ihn bei zahlreichen Bildern. Dort taucht er auf als Paris, der die Schönste von drei Gottheiten wählt, aber auch als Christophorus und in vielen anderen Gestalten.

Doch auch umgekehrt geht das Übertrumpfungs-Spiel: Rembrandts „Blendung Simsons“, eines der spektakulärsten Bilder der Städel-Sammlung, wäre nicht denkbar ohne den „Prometheus“, wie Rubens ihn gemalt hatte – wiederum nach anderen Vorbildern.

Das Städel hat Zeichnungen, jedoch kein Gemälde von Rubens – „dafür aber gute Ideen“, sagte Direktor Philipp Demandt. „Rubens – Die Kraft der Verwandlung“ zeigt mustergültig, wie man mit einer solchen Idee Leihgeber überzeugen und eine bezaubernde Schau ausrichten kann.

Städel Frankfurt: Rubens

Schaumainkai 61. Bis 21. Mai, geöffnet Di–So 10 bis 18, Do+Fr bis 21 Uhr.
Eintritt 14 Euro. Katalog 39,90 Euro. Telefon (069) 6 05 09 82 00.
Internet www.staedelmuseum.de

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