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Hessentag 2017: Zucchero kommt „von anderem Planeten“ nach Rüsselsheim

Gesellschaftskritische Lieder, zarte Balladen, Rocksongs – die drei südeuropäischen Künstler erfreuten die Zuschauer mit musikalischer Vielfalt. Und auch eine Masturbationshymne hatte nicht ihre rebellische Kraft verloren.
Zucchero wirkte mit seinem Zylinder mal wie ein Zirkusdirektor, mal wie ein Märchenonkel. Foto: Maik Reuß Zucchero wirkte mit seinem Zylinder mal wie ein Zirkusdirektor, mal wie ein Märchenonkel.
Rüsselsheim. 

„Madrid oder Mailand“, sagte einst Andreas Möller, „Hauptsache Italien“. Er landete schließlich, 1992, in Turin, wo man es mit den mangelnden Erdkunde-Kenntnissen des Frankfurter Bubs nicht so genau nahm. 200 Jahre früher floh ein noch viel berühmterer Sohn Frankfurts, wie wohl schon im Thüringischen weilend, nach Herzensturbulenzen in das Land, in dem die Zitronen blüh’n. Später folgten aus Hessen Sebastian Vettel und seine „Gina“ aus Maranello. Und so nimmt es kein Wunder, dass auch der Hessentag in Rüsselsheim mit einer „notte italiana“ mit drei cantautori – Sängern, die ihre Lieder selbst verfassen – der Teutonen Neigung zum Land jenseits der Brenners neue Nahrung gab.

Niccolò Fabi ist derzeit in Italien selbst der erfolgreichste dieser cantautori, deren Anfänge in den 1950er-Jahren liegen, als Musiker wie Domenico Modugno oder Michele L. Straniero in Kooperation mit Intellektuellen wie Umberto Eco, Pier Paulo Pasolini oder Italo Calvino verschiedene Musiktraditionen zu „canzione nuove“, neuen Liedern, verschmolzen. Fabi folgt diesem Erbe.

Er beginnt in Rüsselsheim mit Songs aus seinem aktuellen Album „Una somma di piccole cose“, das jüngst die Hitparaden seiner Heimat rockte: melancholische, eher introvertierte Balladen, die der 49-jährige Römer mal mit zarter, mal mit kraftvoller Stimme intoniert. In seinen Liedern mischt sich Persönliches mit Politischem, Klagen über verpasste Gelegenheiten mit Anklagen über gesellschaftliche Zustände.

In dem großartigen „Ho perso la citta“ singt er etwa vom Sieg des Autoverkehrs und der Einkaufszentren am Stadtrand auf Kosten der engen Gassen, der kleinen Einzelhändler. Als idealer Einstieg in diesen Abend gibt Fabi die Struktur vor, der die nachfolgenden Acts folgen: Sparsam orchestriert, beginnen die Stücke mit dem verhaltenen Räsonieren eines lyrischen Ichs, um dann mit jedem Einsatz eines Instrumentes ein immer stärkeres Wir zu werden, das am Ende entweder zum kollektiven Statement oder wieder ins Persönliche aufgelöst wird. Zum Finale seines Auftritts erheben sich die Zuhörer in der gut gefüllten, aber keineswegs ausverkauften Hessentags-Arena.

Mit dem ersten Akkord ihrer elfköpfigen Band fängt Dottoressa Giana Nannini ihr Publikum. Sie tänzelt, sie trippelt, sie schreit, sie schluchzt, fegt über die gesamte Breite des Podests. Ihr Jackett scheint dem Kostümfundus von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles entnommen. Die Masturbationshymne „America“, mit dem die 63 Jahre alte Rockröhre beginnt, hat sie bereits 1979 eingespielt, doch der Song hat seine rebellische Kraft nie verloren.

Mitreißende Rockshow

Nach einer kurzen Referenz an ihr Vorbild Janis Joplin wird das Programm mit „Voglio tuo profumo“ langsamer, getragener. Blauer Nebel wabert über die Bühne. Bis Thomas Festa mit krachenden Gitarrenriffs aufkommende Schwermut wieder in eine mitreißende Rockshow umkrempelt. Bei „Ragazzo dell’Europa“ werden Fahnen geschwenkt, bei „Latin Lover“ verwandeln sich die Zuhörer in romantische Helden, und bei „bello e impossible“ übernimmt das Publikum textsicher den Gesang. Zum Abschluss singt sie das umjubelte „Un’estate italiana“.

Zucchero haucht „Ich komme von einem anderen Planeten“ in die untergehende Sonne Rüsselsheims hinein. Vom ersten Moment an hat er seine Zuhörerschaft im Griff. In schwarzem Cut, ein Zylinder über lockigem Haar, gibt er mal Zirkusdirektor, mal Märchenonkel, mal Blues-Barden, mal stimmgewaltige Rockröhre. Übergangslos wechselt er vom Italienischen in Englische und wieder zurück.

Traumfetzen werden von knalligen Powerchords der Gitarristen abgelöst, die großartige Band lässt keine Wünsche offen. Ob Blues, Soul oder Funk, ob Opera Buffa, Chanson oder Synthesizer-Pop: Zucchero und seine Truppe gleiten durch alle Genres und transformieren sie zu einer gewaltigen Melodie der „italianita“. Tausend Dank und bis zum nächsten Mal, „Grazie mille“ und „à la prossima“, ruft er ins begeisterte Publikum, bis er mit „Senza una donna“ den Abend beschließt. À la prossima!

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