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Kanzlerinnen-Herausforderer: Kommentar: Was erlauben Schulz?

Wegen der Flüchtlinge, wegen der Rechtspopulisten, wegen des Brexit, wegen Europa, wegen Wer-weiß-weshalb – berührt Politik Menschen wieder. Was soll daran schlecht sein? Ein Kommentar von Cornelie Barthelme.
Martin Schulz. Martin Schulz.

War ja klar. Je verzückter sie bei der SPD ihren Kanzlerin-Herausforderer bejubeln, umso mehr müssen die Wettbewerber maulen. So schlicht funktioniert Wahlkampf. Weshalb Martin Schulz im Moment sagen kann, was er will: für die einen ist es Offenbarung, für die anderen Schaumschlägerei. In Wirklichkeit aber – weder noch.

Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme
Vorerst hat sich die Konkurrenz darauf geeinigt, Schulz Inhaltsleere vorzuhalten, mangelnde Konkretion, fehlende Eineindeutigkeit. Man könnte jetzt darauf verweisen, dass außer Grünen und AfD noch überhaupt keine Partei, die im Bundestag ist oder hineinkommen könnte, einen ausformulierten Wahlprogramm-Entwurf hat. Und dass das ganz normal ist, ein halbes Jahr vor dem Wahltag. Aber das nützte nichts. Die anderen, die CDU allen voran, tun ja so, als ginge es ihnen um Fakten und Geld und Präzision und Aufgeschriebenes, weil sie in Wahrheit etwas ganz anderes nervös macht und weil sie das auf gar keinen Fall zeigen wollen: Wie sehr die Wähler auf die Art, pardon, abfahren, in der Schulz mit ihnen spricht.

Diese Art hat auch mit dem Schulz’schen Temperament zu tun, ziemlich exakt das Gegenteil des Merkel’schen. Es trifft – irgendwann in einem Fernseh-Duell auch direkt – vorsätzliche Leidenschaft auf ebenso vorsätzliche Leidenschaftslosigkeit. Der, zumindest für den Moment, entscheidende Unterschied liegt weniger in der Rhetorik. Es ist so, dass Schulz’ Publikum sich in dem, was er sagt, wiedererkennt. Und nicht so, als hielte er ihm den Spiegel vor. Schulz spricht mit seinen Zuhörern, als teilte er ihre Perspektive, als stünde er ihnen nicht gegenüber, sondern an ihrer Seite.

Hat Angela Merkel irgendjemandem irgendwann dieses Gefühl vermittelt? Kann, wer sie hört, glauben, sie wüsste exakt, welches Leben man führt – auch wenn das ihre ein so ganz anderes ist? Klares Nein. Aber ist sie deshalb – und nur deshalb – eine schlechte Kanzlerin?

Wäre, umgekehrt, Martin Schulz schon automatisch ein guter Kanzler, weil er die Politik-Wähler-Distanz so minimiert? Die sich, das ist sicher, in den knapp zwölf Merkel-Jahren, immer breiter gemacht hat; und sehr sehr lang, ohne dass sich die Regierungschefin und ein üppiger Teil der Regierten daran gestört haben würden.

Aber nun – wegen der Flüchtlinge, wegen der Rechtspopulisten, wegen des Brexit, wegen Europa, wegen Wer-weiß-weshalb – berührt Politik Menschen wieder. Was soll daran schlecht sein? Und wenn Schulz darin eine Chance sieht – und auch seine und die der SPD: Gegen welche Regel verstößt er damit? Und wenn die Wähler sich wieder begeistern lassen für Politik: Ist das nicht ein Glück für die Republik und die Demokratie?

Was erlauben Schulz?! Am liebsten würden sie brüllen bei der Konkurrenz. Aber das – trauen sie sich nicht.

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