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Grafiker Stefan Sagmeister:: „Das Glück baumelt vor uns“

Er ist vom Glück fasziniert: Der Grafikdesigner Stefan Sagmeister beschäftigt sich künstlerisch mit diesem Thema, verarbeitet in seiner Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst viele Studien dazu. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs verrät Sagmeister, was er selbst über das Glück gelernt hat und warum seine „Happy Show“ ihn selbst glücklicher macht.
Manchmal ist das Glück eine Blume: Stefan Sagmeister in einer Szene aus dem Film „Having Guts“, der in der seiner Ausstellung „Happy Show“gezeigt wird. Manchmal ist das Glück eine Blume: Stefan Sagmeister in einer Szene aus dem Film „Having Guts“, der in der seiner Ausstellung „Happy Show“gezeigt wird.

ECHO Ihre „Happy Show“ lief 2015 in Wien und läuft jetzt noch bis Ende September in Frankfurt. Was waren die häufigsten Reaktionen des Publikums?

SAGMEISTER: Am meisten gefreut hat mich eine Mail eines 15-jährigen Besuchers unserer „Happy Show“-Ausstellung in Toronto, der nach dem Besuch der Show endlich den Mut gefasst hat und ein Mädchen, in das er schon lange verliebt war, geküsst hat.

ECHO: Haben Sie aus den Reaktionen der Besucher noch mehr über das Glück gelernt?

SAGMEISTER: Ja, vor allem von den vielen Gesprächen, die ich mit Besuchern über legale Drogen führte, da hat jeder komplett individuelle Erfahrungen: Ich habe jede mögliche Geschichte gehört, von „funktioniert wunderbar“ bis „überhaupt nicht’“ von „anfangs schon – dann nicht“ bis zu „anfangs nicht – dann schon“.

ECHO: Warum hat Sie das Thema Glück als Künstler überhaupt so fasziniert?

SAGMEISTER:. Ich hatte davor schon einen Vortrag zum Thema „Design und Glück“ zusammengestellt, der beim Publikum immer gute Resonanz hervorrief. Als ich dann im Sabbatical nach einem Thema suchte, von dem ich hoffen konnte, dass einige Leute „einen Nutzen davon haben“, wurde es wieder relevant. Es gibt ein Zitat vom französischen Mathematiker Blaise Pascal: „Alles was wir tun, egal was es ist, tun wir es deshalb, weil wir die Möglichkeit sehen, glücklicher zu werden.“ Selbst der Selbstmörder bringt sich deshalb um, weil er denkt, im Tod glücklicher zu sein. Ich gehörte allerdings über die größte Zeit meines Lebens immer zu den glücklicheren Menschen, ich würde sagen, so zwischen sieben und acht auf einer Skala von eins bis zehn.

ECHO: Was war für Sie die überraschendste Erkenntnis, als Sie sich mit ihrem eigenen Glück beschäftigt haben?

SAGMEISTER: Ich habe eine wiederholbare Technik entdeckt einen Glücksmoment zu fabrizieren: Ich nehme einen Motorroller, eine selten befahrene Landstraße in schöner Umgebung mit wenig Polizeikontrolle, so dass ich ohne Helm fahren kann, ein Dutzend Lieder auf dem Telefon, von denen ich glaube, dass sie mir gefallen werden (die ich aber nicht gut kenne), und den Vorsatz ohne Plan und Ziel herumzufahren: Da läuft es mir jedes Mal kalt und warm den Rücken hinunter, ein biologisch feststellbarer Glücksmoment. An der Herstellung dieses Momentes sind gleich drei Designobjekte beteiligt: Der Motorroller, der MP3 Spieler auf dem Handy, die Landstraße. Natur und Musik helfen fest mit.

ECHO;Ist die Suche nach dem Glück heute schwieriger als früher, oder beschäftigen wir uns nur intensiver damit?

SAGMEISTER: Da viele unserer Grundbedürfnisse erfüllt sind, können wir es uns leisten, über das Glück nachzudenken.

ECHO: Was hindert die Menschen Ihrer Meinung nach daran, glücklich zu sein?

SAGMEISTER: Die Evolution. Das Glück wurde von der Evolution so gestaltet, dass es wie eine Karotte vor uns baumelt und uns den richtigen Weg zeigt. Ein Kompass, der immer nach Norden zeigt, wäre nicht viel wert. Insgesamt glaube ich, dass das Glück sich nicht einfach direkt verfolgen lässt, es muss sich von selber einstellen. Allerdings können Situationen und Lebensbedingungen gestaltet werden, in denen die Chancen, dass es sich von selbst einstellt, erhöht werden. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass mich im Allgemeinen viele und gute soziale Beziehungen glücklicher machen als das Alleinsein. Studien sagen dasselbe.

ECHO: Welche Rolle spielen Familienstand oder Einkommen?

SAGMEISTER: Das Einkommen spielt leider eine geringe Rolle: In den letzten 50 Jahren hat sich das inflationsbereinigte Einkommen im Westen verdreifacht, das Glücksgefühl ist konstant geblieben. Und es gibt eine Gallup-Umfrage vom letzten Jahr, an der 650 000 Amerikaner teilnahmen.

Demnach macht Geld einen großen Unterschied bis zu einem Verdienst von umgerechnet etwa 5000 Euro im Monat, darüberhinaus kaum. Die Probleme werden nur ausgetauscht: Man darf erste Klasse fliegen, aber der Cousin will sich immer Geld ausleihen. Und zum Familienstand. Verheiratete Menschen sind glücklicher in Umfragen als Singles.

ECHO: Gibt es ein unterschiedliches Talent zum Glück?

SAGMEISTER: Einige prominente Psychologen wie Sonja Lyubomirsky von der Universität von Kalifornien glauben, dass die Fähigkeit, glücklich zu sein, zu 50 Prozent genetisch veranlagt ist.

ECHO: Hat die Ausstellung über das Glück Sie selbst glücklicher gemacht?

SAGMEISTER: Ja, allerdings, der Prozess der Gestaltung, aber auch der Aufbau enthielt viele gute Momente. Und die Tatsache dass ich auch heute noch täglich Briefe von Ausstellungsbesuchern erhalte, freut mich sehr.

ECHO: Wenn Sie Glück in einem Satz definieren müssten, wie würde der lauten?

SAGMEISTER: Mein Lieblingsversuch zu einer Definition teilt das Glück nach Zeitdauer ein: Da gibt es das ganz Kurze, wie den sekundenlangen Glücksmoment – meine Motorroller-Gänsehaut ist so einer). Ein mittellanges Glück wie die Zufriedenheit (kann stundenlang anhalten) und das ganze lange Glück: Das zu finden, was man mit seinem Leben machen will, den Lebenszweck.

In der nächsten Folge lesen Sie ein Interview über das Glück mit Ömür Baskaya, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt.

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