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Aus Deutschland abgeschobener Afghane erhängt sich in Kabul

23 Jahre war er alt. Acht Jahre lang soll er in Deutschland gelebt haben, zuletzt in Hamburg. Laut Bundesinnenministerium war er dort mehrfach straffällig geworden. Eine Woche nach der Abschiebung wird der junge Mann in einem Hotel in Kabul aufgefunden - tot am Strang.
Ein mit abgelehnten Asylsuchenden besetztes Flugzeug auf dem Flughafen München. Foto: Matthias Balk/Symbol Ein mit abgelehnten Asylsuchenden besetztes Flugzeug auf dem Flughafen München.
Kabul/Berlin. 

Ein vor einer Woche aus Deutschland abgeschobener afghanischer Asylbewerber hat sich nach seiner Rückkehr erhängt.

Wurde in der Unterkunft gefunden

Er sei am Dienstag in einer von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zur Verfügung gestellten vorübergehenden Unterkunft in Kabul aufgefunden worden, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Flüchtlingsministeriums in Kabul der Deutschen Presse-Agentur. Der Mann aus der nordafghanischen Provinz Balkh sei 23 Jahre alt gewesen und habe acht Jahre lang in Deutschland gelebt.

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Nach Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) und aus dem Flüchtlingsministerium in Kabul hatte der junge Mann in Hamburg gelebt. Ein BMI-Sprecher sagte, er sei wegen Diebstahls und Körperverletzung mehrfach rechtskräftig verurteilt worden. Afghanische Behörden hätten dem BMI bestätigt, dass es sich um Suizid handele. Die geschilderten Umstände deuteten stark darauf hin.

Bereits am Dienstag gestorben

Ein Foto, das angeblich aus dem Hotelzimmer stammt, zeigte einen Toten mit bloßem Oberkörper an einem Seil hängend, am Boden ein Haufen Kleider. Der Zustand der Leiche könnte darauf schließen lassen, dass der Mann schon vor Dienstag gestorben war. Die Herkunft des Bildes konnte nicht unmittelbar unabhängig verifiziert werden.

Eine Quelle aus dem Kabuler Büro der IOM bestätigte den Tod des jungen Mannes. Man untersuche den Vorfall noch. Die afghanische Polizei ermittele ebenfalls. Der Mann sei im Spinsar-Hotel gefunden worden, wo IOM rückkehrenden Flüchtlingen, die nicht wissen wohin, einige Tage Unterschlupf gewährt.

Ungewöhnlich viele Menschen abgelehnt

Mit dem jüngsten Abschiebeflug aus Deutschland hatten Bund und Länder 69 Passagiere und damit ungewöhnlich viele abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan zurückgebracht. Allein Bayern hatte 51 Afghanen in den Flieger gesetzt, der am Abend des 3. Juli in München gestartet war. Außerdem hatten sich laut Bundesinnenministerium die Länder Hamburg, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz, Hessen und Schleswig-Holstein an der Abschiebung beteiligt.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte sich noch am Dienstag zufrieden über die hohe Zahl der Abgeschobenen geäußert. „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war”, sagte der CSU-Chef bei der Vorstellung seines „Masterplans Migration” in Berlin.

Kritik von Pro Asyl und Bayerischem Flüchtlingrat

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mahnte: „Abschiebungen eignen sich nicht für Scherze.” Bei Seehofer seien Entscheidungen über Menschenleben deshalb „in schlechten Händen”. Unabhängig von den genauen Umständen dieses Falles sei die Verzweiflungstat eines jungen Menschen zu bedauern. „Es ist verantwortungslos, dass immer mehr Menschen nach Afghanistan in eine ungewisse Zukunft geschickt werden.”

Flüchtlingsaktivisten von Pro Asyl und Bayerischem Flüchtlingsrat hatten kritisiert, dass die seit einem schweren Anschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul geltende Selbstverpflichtung, nur Straftäter, terroristische Gefährder und sogenannte Identitätstäuscher abzuschieben, weggefallen sei.

Dem Bayerische Flüchtlingsrat zufolge standen beim jüngsten Flug auch Auszubildende, darunter ein Bäcker-Azubi, Berufsschüler und ein Mann in einem festen Arbeitsverhältnis auf der Abschiebeliste. Bei der Ankunft in Kabul hatte Ahmed Hussain, 28, aus der unsicheren Provinz Wardak der dpa erzählt, er habe sechs Jahre lang in Deutschland als Wächter und in Pizzarestaurants gearbeitet und Steuern gezahlt.

Die Organisation Pro Asyl ließ verlauten, der Tod des Mannes werfe „ein Schlaglicht auf die Brutalität” der Abschiebungspraxis. „Durch die Abschiebung in eine perspektivlose Lage und in ein Land, dessen Realität er kaum noch kennt, wurde der junge Mann offenbar in eine Lage getrieben, in der er keinen Ausweg mehr sah.”

Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke forderte ein Ende der Abschiebungen nach Afghanistan. „Die Lage dort wird immer schlimmer, aber Deutschland weitet die Abschiebungen aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das tödliche Folgen hat”, sagte die Innenpolitikerin der Linkspartei der dpa.

Die Abschiebungen sind wegen der sich rasant verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan umstritten. Die radikalislamischen Taliban lehnen Friedens- und Waffenstillstandsangebote ab und verschärfen ihre Angriffe auf Regierung, Sicherheitskräfte, Bezirks- und Provinzzentren. Sie kontrollieren nach Militärangaben mehr als 14 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Die Terrormiliz Islamischer Staat verübt schwere Anschläge in urbanen Zentren.

(Von Christine-Felice Röhrs und Qiam Noori, dpa)

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