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Rassismus: Das sagt eine Konfliktforscherin zur Diskussion um die Frankfuter "Mohren-Apotheke"

Was darf man noch sagen? Warum sollte man dieses oder jenes nicht mehr sagen? Und will hier jemand irgendwas verbieten? Maria Ketzmerick ist Wissenschaftlerin am Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg und räumt im Interview mit unserer Zeitung mit einigen Missverständnissen auf.
Foto: Boris Roessler/dpa Foto: Boris Roessler (dpa) Foto: Boris Roessler/dpa
Frankfurt. 

Frau Ketzmerick, derzeit erhitzt die Diskussion um den Namen „Mohren-Apotheke“ in Frankfurt die Gemüter. Warum gelten Bezeichnungen wie „Mohr“ oder „Neger“ inzwischen als verpönt?

Maria Ketzmerick Bild-Zoom Foto: Uncredited (H&M/AP)
Maria Ketzmerick

MARIA KETZMERICK: Diese Bezeichnungen waren ja schon immer abwertend gemeint, da sie die betreffenden Menschen auf bestimmte Eigenschaften wie „niedlich“ oder „kindlich“ reduzieren. Momentan verändert sich lediglich die Natürlichkeit das zu sagen, aber die Bedeutung war immer die Gleiche. Davon, dass sie erst seit neustem als verpönt gelten, kann also nicht die Rede sein.

Die Verfechter des Namens argumentieren, er gehe auf die Verwendung von Medizin aus fernen Ländern zurück und habe zu Entstehungszeiten keinen rassistischen Hintergrund gehabt. Das klingt doch erstmal nachvollziehbar.

KETZMERICK: Die Frage ist dann aber auch, welche Symbole dazukommen. Zeigt das Logo etwa einen schwarzen Menschen ähnlich der Sarrotti-Figur? Das sind Logos mit großer kultureller Prägnanz und starker Wirkung. Es geht nicht nur um die Worte, sondern auch um die Symbole.

 

 

Viele verweisen auch auf Literatur: Bei Pipi Langstrumpf wurde aus dem „Negerkönig“ bereits der Südseekönig, aber selbst bei Shakespeares Othello oder bei Schiller ist vom „Mohr“ die Rede. Warum sehen Sie diese Begriffe trotz dieser kulturellen Verwendungen kritisch?

KETZMERICK: Jegliche Literatur ist ja ein Kind ihrer Zeit, und wenn sich die Zeiten ändern und nun die Bezeichnungen als verletzend dargelegt werden, dann muss man damit umgehen. Afro-Deutsche Kinder bekommen Bauchschmerzen, wenn sie diese Wörter lesen. Das stellt uns vor Fragen: Wie gehen wir mit Moderne um? Wie mit Globalisierung? Wie gehen wir mit dem Verhältnis zwischen Kolonialmacht und Kolonie um? Viele wollen, dass das nicht verschwiegen wird, sondern aufgearbeitet.

Wie die Diskussion um die Mohren-Apotheke begann...

Personen, die gerne mal wieder ein „Negerkussbrötchen“ essen würden, denken dabei ja nicht aktiv an Rassismus. Warum ist es dennoch richtig, dass sie besser einen Schokokuss essen?

Es muss noch viel aufgearbeitet werden

KETZMERICK: Sie denken dabei nicht an Rassismus, weil sie es können, weil sie das Problem nicht betrifft, weil sie in der Öffentlichkeit nicht mit dem Wort belegt werden, was sie essen wollen. Ohne Zweifel: Es kann hart sein, sich umzugewöhnen. Aber das Spannende ist ja die Frage: Warum geht der Diskurs immer schnell weg von der Überlegung, welche Wörter wir als Gesellschaft verwenden wollen und welche nicht. Die Tatsache, dass dieses Thema immer so schnell aufgeladen ist, zeigt ja, dass es ein wichtiges Thema ist und noch viel aufgearbeitet werden muss.

Auf dem Schild an der Mohren-Apotheke wurde das Logo mit der schwarzen Frau nicht verwendet. Von der Internetseite wurde es entfernt.
Rassismus-Vorwurf Mohren-Apotheke entfernt Logo

Nach dem Rassismus-Vorwurf der Kommunalen Ausländervertretung (KAV) hat die Inhaberin der Mohren-Apotheke in Eschersheim reagiert: Sie hat das Logo, das ein schwarze Frau zeigt, von ihrer Internetseite entfernt. Ihr Kollege von der „Zeil-Apotheke zum Mohren“ zeigt sich offen für die Debatte, die bundesweite für Aufmerksamkeit sorgt.

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Viele sehen eine junge, dogmatische Verbotskultur hinter diesem Denken. Ganz widerlegen lässt sich dieses Empfinden ja nicht.

KETZMERICK: Ich finde es super spannend, dass diese Diskussion immer einen „Mir-wird-was-weggenommen“-Reflex auslöst. Aber es geht nicht darum, irgendetwas zu verbieten. Es geht darum zu sagen: „Hey, ich fühle mich verletzt“. Dieser Verbotsreflex verhindert komplett die Debatte und ist absolut narzisstisch. Ein bisschen Anstrengung muss ja wohl möglich sein, damit es anderen Menschen besser gehen kann.

Im Zuge der Diskussion wird auch darüber gestritten, wer entscheidet, ob etwas rassistisch ist. Ist es möglich, einen strittigen Ausdruck nicht rassistisch zu meinen?

KETZMERICK: Sicherlich, aber nur weil mir Dinge nicht bewusst sind, sind sie ja nicht weniger rassistisch. Sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, ist schlicht ein Privileg der Europäer.

Erst vor kurzem löste H&M mit einem Werbefoto, auf dem ein schwarzer Junge einen Pullover mit der Aufschrift „Coolest monkey in the jungle“ (Coolster Affe im Dschungel) trägt, einen Rassismus-Skandal aus. Viele sehen in dem Rassismusvorwurf den eigentlichen Rassismus, da ein schwarzer Junge einen solchen Pulli offensichtlich nicht legitim tragen dürfe.

KETZMERICK: Auf die Idee muss man erstmal kommen. Eigentlich ist das doch ganz einfach: H&M macht etwas Unbedachtes, und andere fühlen sich davon verletzt und machen darauf aufmerksam. Das so zu verkomplizieren, ist reine Rassismusabwehr. Es ist aber gar nicht so kompliziert.

Im Zentrum ihrer Arbeit steht der Kolonialismus. Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Forschung?

KETZMERICK: Seit vier Jahren bin ich Teil eines Forschungsprojekts über internationale Übergangsverwaltungen. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen Europa und anderen Ländern mit Blick auf den Kolonialismus und welche Dynamiken da bis heute auftreten und wie diese einzuordnen sind. Die zentrale Frage ist: Gibt es strukturelle Ähnlichkeiten zwischen europäischem Kolonialismus und aktuellen internationalen Interventionen im globalen Süden.

Kolonialismus wird vernachlässigt

Der Kolonialismus ist ein großer Teil unserer deutschen Geschichte. Haben sie das Gefühl, dass Thema wird allgemein vernachlässigt?

KETZMERICK: In jedem Fall. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Kamerun, und das war eine deutsche Kolonie. Immer wieder stelle ich fest, dass die wenigsten wissen, dass es auch deutsche Kolonien gab, die auch gewaltvoll waren. In Kamerun selbst ist die deutsche Kolonialzeit hingegen allgegenwärtig. Das ist ja auch total spannend, warum das auf der einen Seite in den Schulen kaum thematisiert wird und es auf der anderen Seite sehr präsent ist.

Ist eine umfassendere Bildung über den Kolonialismus womöglich notwendig, um Rassismus endgültig überwinden zu können?

KETZMERICK: Vielleicht ja. Es wäre zumindest eine Möglichkeit, die Menschen zu sensibilisieren. Es würde auch im Fall der Apotheke etwas helfen, wenn man den Namen in einen Zusammenhang stellt, zum Beispiel mit einer Hinweistafel, die erklärt warum sie so heißt und wo der Name herkommt und warum er problematisch sein könnte. Wissen hilft in vielen Fällen.

Nach wie vor ist unser Bild von Afrika von vielen Klischees geprägt. Warum wird der ganze Kontinent sein Armuts-Image nicht los?

KETZMERICK: Auch da ist Wissen wieder wichtig. Die mediale Berichterstattung beruht sehr auf Bildern und Nachrichten von Armut und Staatslosigkeit. Da vergisst man schnell, dass es auch Eliten in Nigeria und eine Mittelschicht im Senegal gibt. Das führt dazu, dass wir kein differenziertes Bild von Afrika haben. Auch der Begriff Afrika selbst wird ja häufig so verwendet, als sei es ein Land. Dabei ist es ein großer und vielfältiger Kontinent.

Woher kommt dieses undifferenzierte Bild?

KETZMERICK: Das ist eine historisch gewachsene Annahme, weil es hier lange keine anderen Erfahrungen gab. So Debatten wie jetzt um die Apotheke sind da sehr gut, um sich mit dem Thema auseinander zu setzen und zu erkennen: Es gibt da auch noch viele Menschen, die das Zusammenleben hier gerne mitgestalten würden.

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