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Jahresrückblick: Flüchtlinge: Der große Ansturm

Von Noch nie nach dem 2. Weltkrieg kamen so viele Flüchtlinge nach Deutschland. Das stellte nicht nur die Politik vor große Herausforderungen, sondern auch die Bürger.
Ein Flüchtlingstreck wird Ende Oktober nahe Wegscheid in Bayern von der Bundespolizei zu einer Notunterkunft geführt. Foto: Armin Weigel (dpa) Ein Flüchtlingstreck wird Ende Oktober nahe Wegscheid in Bayern von der Bundespolizei zu einer Notunterkunft geführt.
Frankfurt. 

Es war der 10. September 2015 als Kanzlerin Angela Merkel die Karawane so richtig ins Rollen brachte. Während eines Besuches in der Flüchtlings-Erstaufnahmestelle in Berlin-Spandau ließ sie sich zu einem sogenannten Selfie mit einem syrischen Flüchtling hinreißen.

Dieses Selbstbildnis der Kanzlerin mit einem Migranten ging um die Welt und wurde von vielen Flüchtlingen offenbar als freundliche Aufforderung gesehen, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Mittlerweile sind 1,1 Millionen Schutzsuchende in der Republik angekommen.

Diese große Zahl lässt die Städte und Gemeinden an ihre Grenzen kommen. Vor allem eine adäquate Unterbringung der Flüchtlinge gestaltet sich für die Kommunen in der Winterzeit als äußerst problematisch.

Große Hilfsbereitschaft

Trotz allem Ungemachs, zeigte die deutsche Bevölkerung eine große Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen. Professionelle Kräfte wie etwa die Hilfsorganisationen des Deutschen Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks, der Kirchen sowie die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer etablierten eine Willkommenskultur, die in Europa ihres Gleichen suchte. Einen Höhepunkt erreichte diese Willkommenskultur an einem Spätsommertag am Münchener Hauptbahnhof, als die dort ankommenden Flüchtlinge mit der ganzen Herzlichkeit, die Bayern zu bieten hat, empfangen wurden. Es hagelte Spielzeug, Essen, Getränke, Kleidung und Teddybären für die Migranten. In diesen Momenten des Willkommens-Überschwangs kann es auch einmal zu unfreiwillig komischen Situationen kommen. So berichtete ein indischer Zahnarzt, der seit langen Jahren in München arbeitet, davon, dass er an diesem Willkommenstag unfreiwillig mit zwei Teddybären nach Hause kam. Doch Deutschland zeigte in Sachen Flüchtlinge auch eine hässliche Seite. Als Synonym für „Dunkeldeutschland“ (Bundespräsident Joachim Gauck) machte sich Heidenau einen unrühmlichen Namen. Ende August belagerten Rechtsextreme eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in einem leerstehenden Praktiker-Baumarkt und warfen mit Steinen, Böllern und Flaschen. Viele Polizisten wurden bei diesen Auseinandersetzungen verletzt und die Stadt in der Nähe von Dresden war ein weiterer „schwarzer Fleck“ des ostdeutschen Rassismus. Doch nicht nur in Ostdeutschland schlug den Flüchtlingen der Hass der Fremdenfeinde entgegen. Auch im Westen der Republik brannten Flüchtlingsheime.

Die Statistiken sprechen hier eine eindeutige Sprache: Im laufenden Jahr wurden bis Mitte November 1610 überwiegend rechtsradikal motivierte Delikte gezählt, die im Zusammenhang mit der „Unterbringung von Asylbewerbern“ stehen. 2014 waren 895 Delikte dieser Art gezählt worden. Es handelt sich dabei um alle politisch motivierten Straftaten rund um die Flüchtlingsunterbringung in Deutschland – also auch Hetze im Netz, Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen bei Demonstrationen gegen Asylunterkünfte.

Es gibt auch Kritik

Aber es gibt auch nicht wenige Deutsche, die der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisch gegenüber stehen, ohne dass sie zu radikalen Ansichten und Taten neigen. Die Skeptiker gehen offenbar davon aus, dass die vielen Flüchtlinge nicht nur Kochrezepte mitbringen, wie es in einem Kommentar der FAZ-Herausgeber Berthold Kohler formulierte, sondern auch ein Päckchen mit Problemen mit sich führen. Sei es zum Beispiel, dass es ihnen an beruflichen Qualifikationen mangelt, Sprachkenntnisse nicht vorhanden sind oder auch die nötige Bereitschaft zur Integration fehlt. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass sich die ganz große Mehrzahl der Deutschen für eine Obergrenze bei der Zahl der Flüchtlinge ausspricht. Und das über alle Parteien von rechts bis links der Republik hinweg. Wer sich mit Arbeitsmarktexperten wie Karl Brenke vom DIW in Berlin unterhält, erfährt, dass es mit der hohen Zahl von Flüchtlingen unweigerlich zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt kommen wird. Dort träfen „Deutsche“ mit relativ geringer beruflicher Qualifikation und niedrigem Einkommen als Wettbewerber auf die „Flüchtlinge“.

Mit rund 17 Milliarden Euro kalkulieren die Länder die Kosten für die Integration der Flüchtlinge im nächsten Jahr. Viele wissen auch, dass eine neue Flüchtlingswelle im kommenden Jahr schwer für die Kommunen zu verkraften wäre. Nun suchen die Politiker nach Lösungen. Aber ganz ohne Selfie.

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