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Interview mit dem Profiler Axel Petermann: "Die Opfer schöpfen keinen Verdacht"

Einem bestimmten Tätertyp ist Mitleid fremd: Mit dem Profiler Axel Petermann sprach Dieter Hintermeier über den mutmaßlichen Schwalbacher Serienmörder Manfred S., dessen möglichen Motive und sein unauffälliges Leben.
Ein vom hessischen Landeskriminalamt veröffentlichtes Foto zeigt den mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. Foto: Polizei Hessen Ein vom hessischen Landeskriminalamt veröffentlichtes Foto zeigt den mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. Foto: Polizei Hessen

Herr Petermann, der Serienmörder Manfred S. soll fünf Frauen und möglicherweise auch den 13-jährigen Tristan auf brutalste Weise ermordet haben. Wie ist es möglich, dass so eine Mordserie so lange unentdeckt blieb?

AXEL PETERMANN: Zunächst sind diese Tatzusammenhänge ja noch Mutmaßungen. Aber dieser lange Zeitraum wäre in der Tat ungewöhnlich. Während meiner Tätigkeit als Profiler habe ich so etwas noch nicht erlebt. Ein Serienmörder, mit dem ich beruflich zu tun hatte, tötete innerhalb von 13 Monaten drei Menschen und verübte zwei Mordversuche. Der Mann hat sehr unter seinen Taten gelitten und war suizidgefährdet.

Info: Der Profiler Axel Petermann

Axel Petermann wurde 1952 in Bremen geboren. Ein Kriminalistik-Dozent weckte sein Interesse an Verbrechensaufklärung, so dass er den Einsatz bei der Kriminalpolizei anstrebte.

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Wer die Taten betrachtet, die Manfred S. vorgeworfen werden, kann nur zu dem Schluss kommen, dass der Mann bei seinen Mordtaten kein Mitleid kannte, aber zu Hause offenbar als liebevoller Familienvater auftrat. Wie passt das zusammen?

PETERMANN: Solch einen ähnlichen Fall habe ich in meiner Praxis auch kennengelernt. Ein Mann hatte drei Menschen auf dem Gewissen, die er jeweils aus unterschiedlichen Beweggründen ermordet hatte. Niemand aus seinem Verwandten- und Bekanntenkreis hätte ihm diese Taten zugetraut. Wer ihn dann später in Vernehmungspausen beim Besuch seiner Frau und seines Kindes beobachten konnte, mit denen er liebevoll und fürsorglich umging, wäre zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Aber offenbar zeigte der Mann bei seinen Taten keine Form der Empathie.

Profiler und Buchautor Axel Petermann Bild-Zoom Foto: Photographer: stefankuntner
Profiler und Buchautor Axel Petermann
Wie gehen solche Serientäter bei der Opferauswahl vor?

PETERMANN: Der Zugang zu den Opfern sollte unproblematisch sein. Bei einem meiner Fälle kannte der Täter seine späteren Opfer schon als Kind. Er dachte, die kennen mich doch schon lange. Sie schöpfen keinen Verdacht.

Sehen Sie Parallelen zum Fall des Manfred S.?

PETERMANN: Bei den getöteten, drogenabhängigen Prostituierten handelt sich um Menschen, die für den Täter sehr leicht verfügbar waren. Um an Geld für Drogen zu kommen, gehen die Frauen mit jedem vermeintlichen Freier mit. Das dürfte Manfred S. gewusst haben. Also war die Kontaktaufnahme sehr einfach. Dass die Opfer plötzlich „verschwunden“ waren, hat im Umfeld der Getöteten niemanden weiter interessiert, weil sich keiner um sie sorgte.

Brauchte jemand für diese Vorgehensweise Kenntnisse im Milieu?

PETERMANN: Ich denke, dass es für den Täter eine solche Nähe zum Milieu gab. Er hat hier gesehen, wie leicht die Opfer zu haben sind. Aber die Opfer sind bei solchen sadistischen und nekrophilen Tätern nicht entscheidend. Sie degradieren es vielmehr zum „Objekt“. Das heißt, das Ausleben solcher Fantasien steht bei den Taten der Mörder an erster Stelle. Da nicht der Mensch bei sadistischen Tätern im Vordergrund steht, könnte auch das Mordopfer Tristan in dieses Schema des Mörders passen. Auch bei dem Jungen konnte er sadistische und nekrophile Triebe umsetzen.

Die Mordserie, für die Manfred S. verantwortlich sein soll, nahm einen sehr langen Zeitraum in Anspruch. Wie konnte so etwas vor seiner Familie geheim bleiben? Was musste er beispielsweise seiner Frau für Ausreden auftischen, wenn er verschwand?

PETERMANN: Ich denke, dass sein berufliches Umfeld als Entrümpler als Alibi für die Familie herhalten konnte. Das dürfte auch funktioniert haben, da ein solcher Beruf mit unregelmäßigen Arbeitszeiten und mit vielen Zeiten der Abwesenheit verbunden ist. Dieser unruhige Lebenswandel kam seinen möglichen Taten entgegen. Es blieb Zeit, diese zu verüben.

Eine Laie könnte vermuten, dass diese brutalen Taten den Mörder auch viel Zeit kosteten . . .

PETERMANN: . . . ich vermute, dass der Täter ein Versteck oder ein „Depot“ hatte, zu dem er die Opfer nach ihrer Ermordung brachte. Möglicherweise ist er dann immer wieder dort hingefahren, um an ihnen weitere sadistische und nekrophile Handlungen vorzunehmen. Das heißt, der Täter brauchte für die Taten nicht lange, sondern hat diese vermutlich sukzessive vorgenommen. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass für die Taten mehrere Täter verantwortlich waren.

In einer von Manfred S. angemieteten Garage fand man in zwei Fässern Leichenteile einer ermordeten Prostituierten. Wollte S., dass seine Opfer gefunden werden?

PETERMANN: Ich glaube zwar, dass der Täter viel Stress hatte, so etwa bei der Begehung seiner Taten und beim Realisieren seiner abnormen Fantasien. Auch seine Alkoholkrankheit kann mit den Morden zusammenhängen. Aber dass er entdeckt werden wollte, glaube ich nicht. Ihm ging es in erster Linie um das Ausleben seiner devianten Neigungen.

Manfred S. gilt vielen schon als Serienmörder. Wie sicher schätzen Sie die Beweislage ein ?

PETERMANN: Offenbar haben die Ermittler, bis auf das Opfer in der Garage, noch keine Sachbeweise, wie zum Beispiel DNA-Spuren, in der Hand. Aber anscheinend sind die Tatausführungen so individuell, dass die Polizei nicht von unterschiedlichen Tätern ausgeht.

Axel Petermann, Der Profiler: Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet, 304 Seiten / Heyne Verlag, 9,99 Euro

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