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Spitzenkandidatin konkurrenzlos: Grüne ohne Frauen-Power

Von Die Grünen haben die Frau an die Parteispitze gebracht, sie haben die Quote erfunden und bis heute mehr Mitgliederinnen als jede andere Partei. Aber im 37. Jahr scheinen die grünen Frauen die Lust auf Macht verloren zu haben.
Wirklich konkurrenzlos gut? Katrin Göring-Eckardt ist grüne Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Eine Alternative zu ihr gab es nicht. Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild) Wirklich konkurrenzlos gut? Katrin Göring-Eckardt ist grüne Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Eine Alternative zu ihr gab es nicht.
Berlin. 

Es ist der Sonntag der Bundespräsidenten-Kür. Wieder, zum zwölften Mal, keine Präsidentin. Die Kanzlerin hatte Marianne Birthler gewollt, nicht als erste Wahl, aber immerhin. Die Grüne aber, schon Ministerin, Parteisprecherin und Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, gab Angela Merkel einen Korb. Welcher Coup wäre das gewesen? Die erste Chefin im Schloss Bellevue – eine Grüne. Wie hätte sich das, während der Zählpausen und überhaupt während der ganzen Bundesversammlung, genießen lassen.

Es wird dann, auf den Gängen und später beim Empfang, der Machtwillen der grünen Frauen durchgenommen, wird hin- und hergewendet; nur: Es geht bei diesen Gesprächen gar nicht um Marianne Birthler. Es wird vielmehr die Frage verhandelt, weshalb sich – zur anstehenden Bundestagswahl – drei Männer um den Posten des Spitzenkandidaten bewarben, aber nur eine einzige Frau. Zumal eine, die den Job schon vier Jahre zuvor gemacht hat und an der Seite von Jürgen Trittin – nach in- wie externer Bewertung – eine ziemlich mäßige Vorstellung ablieferte.

Es ist so, dass bevorzugt die grünen Frauen nach Gründen suchen. Es ist auch so, dass sie mit dem, was sie sagen, nie und nimmer und gar keinesfalls zitiert werden wollen. Zusammengenommen läuft es darauf hinaus, dass keine eine wirkliche Antwort kennt, dass aber alle sagen, sie wollten jetzt nicht groß herummaulen – weil: Es könne sie dann ja jeder mit jeder Berechtigung fragen, weshalb sie denn nicht selbst gegen Katrin Göring-Eckardt angetreten seien.

Die Mütter der Quote

Ja – weshalb eigentlich nicht? Ist es nicht mindestens ein Armutszeugnis oder sogar eine mittelschwere Katastrophe, wie ausgerechnet bei den Grünen, den Erfinderinnen – und, oft genug auch dort zwangsweisen, Erfindern – der ebenso geforderten wie gehassten Quote, die Frauenpower gerade auf den Hund kommt? Gute Frage. Nächste Frage …

Also Blick zurück. Zum Trost. Erinnerung an die Mütter von Quote und Gleichstellung in der Partei, an jene, die es durchgedrückt haben, dass jeder ungerade Listenplatz für egal welche Wahl einer Frau zusteht – und also die Grünen immer eine Spitzenkandidatin haben. Petra Kelly, Jutta Ditfurth, Marieluise Beck. Und Waltraud Schoppe. Die Frau, die den Männern in ihrer ersten Bundestagsrede vorhielt, in Einheitswohnungen abendlichen Einheitssex zu „vollführen“, und dem Kanzler riet, es wäre klug, wenn er im Parlament auf „Formen des Liebesspiels“ hinweisen würde, „die lustvoll sind“, aber nicht schwanger machten. Der Kanzler hieß damals, im Mai 1983, Helmut Kohl – und Schoppe schob ihrer Aufforderung hinterher: „Aber man kann natürlich nur über das reden, wovon man wenigstens ein bisschen versteht.“ Die Zeitungen schrieben am nächsten Tag von einem „johlenden, gröhlenden Männermob im Parlament“.

Aufmüpfigkeit passé

14 Jahre dauerte es, bis der Bundestag das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe verabschiedete, um das es Schoppe in ihrer Rede gegangen war, unter anderem. Auch etliche grüne Männer, vorneweg der später zur SPD wechselnde Otto Schily, befanden ihre Frontfrau bei ihrem Rededebüt für zu eigenwillig und ungebärdig.

Und jetzt – noch einmal 20 Jahre später? Wo sind die aufmüpfigen grünen Frauen? Im Bundestag eher nicht. Trotz Quote, trotz des weiter höchsten Frauen-Mitgliederanteils aller Parteien: Um die 38 Prozent sind es; die CSU bringt es auf um die zwanzig. Das Spitzenduo – zur Reala Göring-Eckardt wählte sich die Parteibasis den Realo Cem Özdemir – verspricht „grün-feministische Politik“. Worunter es fast ausnahmslos links-mittigen Mainstream versteht, vom „gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit“ bis zur „eigenständigen Existenzsicherung jenseits des überholten Familienernährer-Modells“.

Ein „Feminat“ wie die reine Frauen-Fraktionsführung im Jahr 1984? Undenkbar heute. Jahre später schrieb Antje Vollmer, die dazugehörte: „Zusammengehalten hat uns die große Erwartung, das Daumendrücken einer ganzen Frauengeneration.“ Für wen aber sollen die Frauen des Wahljahrgangs 2017 sich begeistern? Sieht nicht so aus, als ob wenigstens die Hoffnung noch grün wäre und weiblich.

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