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Ehefrau des Journalisten Deniz Yücel: Interview mit Dilek Mayatürk-Yücel: „Die Einsamkeit ist greifbar“

Einmal die Woche darf Dilek Mayatürk-Yücel ihren Ehemann Deniz Yücel im türkischen Gefängnis besuchen. Sie kritisiert, dass der Journalist immer noch in Isolationshaft ist. Es gibt aber auch gute Neuigkeiten - und in dem Zusammenhang eine Bitte der Ehefrau.
Dilek Mayatürk-Yücel setzt sich für ihren inhaftierten Ehemann (Bild im Hintergrund) ein, Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) Dilek Mayatürk-Yücel setzt sich für ihren inhaftierten Ehemann (Bild im Hintergrund) ein,
Istanbul. 

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel (43) sitzt seit Februar unter Terrorverdacht in türkischer Untersuchungshaft – ohne Anklageschrift. Im Gefängnis in Silivri westlich von Istanbul heiratete der „Welt“-Korrespondent im April seine Freundin Dilek, eine TV-Produzentin. Ein Jahr nach dem Putschversuch in der Türkei spricht Dilek Mayatürk-Yücel (30) im dpa-Interview darüber, wie es ihrem Mann und ihr ergeht, wie man Deniz Yücel in der Isolationshaft zum Lächeln bringen könnte – und was das Ehepaar unternehmen will, wenn Deniz Yücel wieder frei ist.

Frau Mayatürk-Yücel, Sie besuchen Deniz Yücel einmal die Woche im Gefängnis. Gibt es Neuigkeiten?

MAYATÜRK-YÜCEL: Ja, man hat angefangen, Deniz meine Briefe zu übergeben. Ich habe bis heute nur einen Brief von Deniz erhalten, nämlich den, den er am 100. Tag seiner Haft geschrieben hat. Meine Bitte: Schreiben Sie Deniz! Im Gefängnis gibt es eine Kommission, die Briefe liest, bevor sie sie aushändigt. Daher versuchen Sie bitte, soweit möglich auf Türkisch zu schreiben. Da diese Kommission keine Fremdsprache beherrscht, wird das als Grund genannt, Deniz die Briefe nicht auszuhändigen. Ich bin sicher, dass jeder Freunde, Bekannte, Nachbarn oder Arbeitskollegen hat, die Türkisch können. Die Briefe müssen auch nicht lang sein. Außerdem ist ja die Technologie heutzutage für so etwas nützlich. Suchen Sie im Wörterbuch oder fragen Sie Google! Schlechtes Türkisch oder Grammatikfehler sind für einen Menschen in Isolationshaft unwichtig. Im Gegenteil, sie werden Deniz zum Lächeln bringen.

Sie sprechen die Isolation an. Wie geht es Deniz Yücel denn in der Untersuchungshaft?

MAYATÜRK-YÜCEL: Ich finde, Deniz ist physisch und psychisch in sehr gutem Zustand. Deniz ist jemand mit großer Lebensenergie. Er betrachtet das Leben stets mit einem Lächeln. Das heißt aber nicht, dass er mit der aktuellen Situation zufrieden ist. Hier geht es um einen Menschen, der seit mehr als vier Monaten in Isolationshaft sitzt, ganz alleine. Er ist alleine, wenn er Sport macht, und alleine in seiner Zelle. Ihm wird kein Kontakt zu anderen erlaubt. Er darf auch keine anderen Häftlinge treffen. Selbst bei der offenen Visite wird erwartet, dass ich mich nicht neben ihn setze, sondern gegenüber von ihm. Man darf nicht vergessen, dass Isolation eine Verletzung der Menschenrechte ist. Die Folgen machen sich auf lange Sicht beim Betroffenen bemerkbar. So verändert sich etwa die Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen. Es kann schwieriger werden, sich zu konzentrieren, und das Sprechen kann einem schwerfallen.

Sie haben im Gefängnis geheiratet und Ihren Ehemann noch nie in Freiheit erleben dürfen, von Flitterwochen ganz zu schweigen. Wie schwierig ist die Situation für Sie?

MAYATÜRK-YÜCEL: Sie haben den Menschen, der für mich am wertvollsten ist, alleine hinter steinerne Mauern gesperrt. Ich denke, man kann sich vorstellen, wie ich mich fühle. Ich suche Wege, um diese Zeit mit möglichst wenig Schaden hinter mich zu bringen. An meinem Geburtstag wird Deniz nicht bei mir sein. Ich bin traurig darüber, dass wir in einem grandiosen Teil der Erde nicht alle friedlich und mit gegenseitigem Verständnis zusammenleben können. Ich werde es nicht zur Normalität erklären, dass uns Tage gestohlen werden, die ja unwiederbringlich sind. Ich werde mich nicht damit abfinden. Ja, es werden noch lange Jahre in Freiheit vor uns liegen, aber das ändert nichts daran, dass uns bisher vier Monate unseres Lebens gestohlen wurden. Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass ich meinen Job in München Hals über Kopf gekündigt und meine Wohnung aufgegeben habe, um dauerhaft nach Istanbul zurückzukehren. Generell kommt es mir allerdings egoistisch vor, nur über Journalisten zu sprechen, wo in Wahrheit Tausende andere ebenfalls unschuldig in Gefängnissen sitzen. Sie alle und ihre Familien tun mir leid. Mir tut der Bruder des Mannes leid, mit dem ich auf der Fahrt zu Deniz nach Silivri gesprochen habe und dessen Bruder nur wegen eines Tweets im Gefängnis sitzt.

Vorwurf der „Terrorpropaganda und ...

Deniz Yücel, in Flörsheim geborener Journalist der „Welt“ , sitzt seit Februar in der Türkei in Haft. Dem deutsch-türkischen „Welt“-Korrespondenten werden wegen seiner Artikel zum Kurdenkonflikt

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Wie wichtig sind für Deniz Yücel und für Sie die Solidaritätsbekundungen in Deutschland?

MAYATÜRK-YÜCEL: Ich glaube, jeder im Gefängnis fürchtet, dass er vergessen wird. Das Wissen, dass sie nicht alleine sind, gibt ihnen Kraft. Für Deniz ist das noch wichtiger, weil er isoliert ist. Für ihn ist die Einsamkeit dort schon mit Händen zu greifen, wenn er nicht gerade Besuch von seinen Anwälten oder seiner Familie hat. Bei dieser Gelegenheit will ich noch hinzufügen: Es gibt Menschen, die nur schwierig verstehen, warum Deniz so viel Rückendeckung hat, warum Menschen unabhängig oder organisiert Deniz unterstützen. Der Grund dafür ist einfach. Sehen Sie, man kann ein hervorragender Journalist sein. Aber es ist etwas anderes, ein guter Journalist und gleichzeitig ein guter Mensch zu sein und es auch zu bleiben, ohne dass das Herz zu Stein wird. Eben das ist Deniz.

Erfahren Sie Unterstützung auch aus der Türkei?

MAYATÜRK-YÜCEL: Die gibt es, aber sie ist nicht so groß und organisiert wie in Deutschland. Das darf uns nicht wundern, denn Deniz’ eigentliches Umfeld ist in Deutschland. Deniz ist der Türkei-Korrespondent der deutschen Zeitung „Die Welt“. Aber der wichtigste Grund ist, dass hier sowieso jeder schon genug mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt ist und seine eigenen Kämpfe ausrichten muss. Die Liste derer, denen man auf irgendeine Weise die Rechte genommen hat, ist lang. Jeder führt seinen Kampf auf seine Weise. Ich habe Kontakt zu befreundeten Journalisten und zu Frauen von anderen verhafteten Journalisten. Im Vergleich zu Deutschland ist es zwar ruhiger, aber andererseits gibt es zwischen uns eine tiefe Anteilnahme und Solidarität.

Gibt es Anfeindungen gegen Deniz und Sie aus der Türkei oder aus Deutschland?

MAYATÜRK-YÜCEL: Ich will das nicht Anfeindungen nennen. Ich sage lieber, es gibt Menschen, die sich behaupten, indem sie andere schlechtmachen. Sie haben vielleicht zeitlebens nie die heilsame Wirkung erfahren davon, zu lieben und geliebt zu werden, von Geborgenheit. Das mag einem eigenartig vorkommen, aber auch mit diesen Menschen unterhalte ich mich. Aber nicht vor tausend anderen Menschen und indem ich sie in den sozialen Medien entlarve. Was diese Menschen nicht gewohnt sind, ist, vernünftig zu reden. Ich rede mit ihnen. Ich habe mir als Mensch versprochen, dass ich – völlig egal, was passiert – nie jemand sein werde, der den Hass nährt.

Unternimmt die Bundesregierung aus Ihrer Sicht genug, um Deniz Yücel freizubekommen?

MAYATÜRK-YÜCEL: Um das zu beantworten, müsste ich wissen, was genau unternommen wird.

Was sind Ihre Pläne, wenn Deniz Yücel wieder frei ist?

MAYATÜRK-YÜCEL: Zuerst ans Meer fahren. Zeit im Grünen und am Meer verbringen. Wir haben eine Liste über die archäologischen Regionen in der Türkei zusammengestellt, die wir besuchen wollen. Diese Liste wollen wir abarbeiten. Manche halten Deniz ja für einen Feind der Türkei, für jemanden, der die Türkei nicht liebt. Das soll denen eine Antwort sein. Meine Herren, wir haben den Plan, all die Schönheiten dieses Fleckens Erde zu besuchen und zu besichtigen.

 

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