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Kritik von Gabriel: Närrische Tage: Schulz verzichtet aufs Außenministerium

Von Statt von der Schwäche der Kanzlerin und dem Frust der CDU zu profitieren, inszeniert die SPD in den letzten Fastnachtstagen ein Drama. Es geht um den tiefen Fall des Martin Schulz.
Martin Schulz. Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) Martin Schulz.
Berlin. 

Es gibt ein Foto von Sigmar Gabriel, er gibt gerade ein Interview, er sitzt da im Hemd, er ballt beide Fäuste vor seiner Brust, und weil das Foto gut eineinhalb Jahre alt ist, sieht Gabriel aus, als platze ihm gleich der weiße Kragen. Das liegt nicht etwa an einer Wut, sondern an den überschlägig 20 Kilogramm mehr, die Gabriel damals noch wog. Inzwischen ist er die los. Aber der Kragen ist ihm trotzdem geplatzt. Die Republik erfuhr es Donnerstagabend.

Es war wieder ein Interview. Und Gabriel, der geschäftsführende Bundesaußenminister, beklagte sich darin darüber, dass die „öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war“.

Die Behauptung ist insofern etwas heikel, weil es seit Mittwochabend zwei neue SPD-Führungen gibt: Martin Schulz, seit 326 Tagen im Amt, aber er hat einen Tag vor Gabriels Interview seinen Rückzug angekündigt. Und Andrea Nahles, Chefin in spe seit demselben Moment. Wer genau gemeint ist, ergibt sich aus ein paar weiteren Sätzen, die von Respektlosigkeit und von Wortbruch handeln, und aus einem Zitat, das Gabriel seiner kleinen Tochter Marie zuschreibt: „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Weil Andrea Nahles kein Mann ist, müssen die Vorwürfe – zumindest hauptsächlich – Martin Schulz gelten. Ein Mann, der Gabriel knapp 14 Jahre seinen Freund genannt hat. Und umgekehrt auch. Dann wurde Schulz Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender; weil er das sein wollte und Gabriel nicht. Und dann begann die Freundschaft gewissen Strapazen ausgesetzt zu sein. Denn es sah manchmal so aus, als habe die SPD zwei Kanzlerkandidaten. Einen, der sich auf den deutschen Marktplätzen abschaffte – und einen, der überall in der Welt sein großes politisches Talent funkeln und damit den ersten in Deutschland matt wirken ließ.

Ende einer Freundschaft

Als Schulz und die SPD die Bundestagswahl krachend verloren hatten, antwortete Schulz auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Gabriel, es sei „weiterhin sehr gut“ und er „habe ihm nichts vorzuwerfen“.

Das war Mitte Oktober. Am Mittwochnachmittag dann verkündete Schulz, er wolle im Kabinett Merkel IV der Außenminister sein. Das war nicht bloß eine Überraschung. Es war auch ein Tritt ins Gesäß von Gabriel. Und, vor allem: Es war ein lupenreiner Wortbruch. Und nur deswegen kann das brachiale Ende einer Männerfreundschaft der SPD binnen Tagesfrist einen Erfolg ruinieren, den weder sie noch irgendwer sonst für möglich gehalten hatte. Denn obwohl die Partei die Wahl haushoch verlor, hat sie – genauer: Schulz – der Kanzlerin und der Union drei Spitzenministerien abgetrotzt und den Ton des Groko-Vertrags bestimmt. Die SPD könnte sich feiern. Und die Parteispitze dürfte bester Hoffnung sein, dass der Mitgliederentscheid in ihrem Sinn ausgehen wird.

Aber da ist Martin Schulz. Da ist seine Sehnsucht, der Republik nicht als gescheiterter Kanzlerkandidat und schwacher SPD-Vorsitzender in Erinnerung zu bleiben. Da ist seine Idee, mit einem Wechsel, fast einer Rückkehr, in sein politisches Kernmetier – die Europa-, die Außenpolitik – seine Reputation zurückzuerlangen. Oder sich wenigstens wieder Respekt zu verschaffen.

„Respekt“ war der zentrale Begriff in Schulzens Wahlkampf. Und Gabriel, der Instinktpolitiker, zielt punktgenau, als er im Interview darüber zürnt, „wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist“. Binnen nicht einem Tag verwandelt sich Martin Schulz, über dessen Geradlinigkeit die Wähler vor einem Jahr ins Schwärmen gerieten, in ein Zerrbild vom guten Politiker: machtgierig und verlogen.

Auf stur geschaltet

Nicht, dass es Gabriel nicht um seine Karriere ginge. Und nicht, dass er in der SPD mehr Sympathisanten hätte als Schulz. Aber Gabriel sagt, was alle denken, in der Partei – und in der Republik sowieso: Dass es so einfach nicht geht. Kritik an seiner Entscheidung hat Schulz schon am Mittwochnachmittag im Parteivorstand gehört und am Mittwochabend in der Fraktion. Zusammengefasst: Er ruiniere die Glaubwürdigkeit – seine eigene und die der Partei. Schulz hat, da wie dort, auf stur geschaltet. Er war seit mehr als 30 Stunden ohne Schlaf.

Massenhaft Mails

Am Freitag dann packt die Groko-Verfechter die Angst. Was sie in Mails und sozialen Netzwerken lesen, bedeutet ganz schlicht: Sie drohen, den Mitgliederentscheid zu verlieren, wenn Schulz auf dem Ministeramt besteht. Auch die Landesverbände sind in Aufruhr. Um 14.14 Uhr mailt die Parteizentrale eine „Erklärung“ von Schulz. Es sei so, „dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen“.

Nicht nur das „Müssen“, die ganzen knapp 13 Zeilen lassen nur eine Interpretation zu: Schulz beugt sich Zwang. Er sieht sich, zumindest in diesem Moment, als das Opfer im Drama namens SPD.

Es ist dann, selbstverständlich, sofort sehr viel von „Respekt“ die Rede. Und es klingt noch verlogener als sonst in solchen Momenten. Nur die Ex-Juso-Chefin Johanna Uekermann traut sich zu scherzen: „Ich hab’s satt“, twittert sie. „Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist.“

Aber die SPD ist noch mitten drin in den närrischsten Tagen.

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