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Projekt «Step-by-Step»: Projekt will traumatisierten Flüchtlingen «Normalität zurückgeben»

Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt, bis hin zum Tod von Angehörigen oder Begleitern. In Darmstadt soll traumatisierten Menschen Schritt für Schritt geholfen werden. Das als bundesweit einmalig eingestufte Projekt nennt sich «Step-by-Step».
Die Flüchtlingsfamilie Habib aus Syrien sitzt am 17.09.2015 vor der Messehalle in Rostock. Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild) Die Flüchtlingsfamilie Habib aus Syrien sitzt am 17.09.2015 vor der Messehalle in Rostock.
Darmstadt.  Ein ungezwungener, fröhlicher Moment in einer Flüchtlingsunterkunft in Darmstadt: Zwei Jungen rasen mit roten Bobby-Cars eine Rampe herunter, liefern sich ein Wettrennen. So unbeschwert dürften sich nicht viele dort fühlen. Viele Flüchtlinge sind nach den Erlebnissen in ihrem Herkunftsland und auf der Flucht traumatisiert.

«Step-by-Step heißt das Programm, mit dem das Sigmund-Freud-Institut (SFI) in Frankfurt zusammen mit der Goethe-Universität Frankfurt und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) helfen will. Das Programm gilt in Deutschland als einmalig, weil viele Helfer aus unterschiedlichen Bereichen zusammenwirken und die Arbeit auch dokumentieren. «Unser Ziel ist es, den Bewohnern die Normalität des Lebens zurückzugeben», sagt Hans Högel, Leiter des DRK-Sozialdienstes in der Unterkunft.

«Aus der Traumaforschung weiß man, wie wichtig die ersten zwischenmenschlichen Erfahrungen sind, die Menschen nach der Traumatisierung machen», sagt die Geschäftsführende Direktorin des SFI, Marianne Leuzinger-Bohleber. Sie ist wie andere Mitstreiter in die Unterkunft gekommen ist, um von «Step-by-Step» zu erzählen. Die Flüchtlinge selbst sollen für sich bleiben dürfen.

Es geht bei dem Programm weniger um eine Therapie im strengen Sinn als um eine Krisenintervention. «Treffen die Menschen auf verlässliche, humane Beziehungen, kann dies ein erster Schritt für eine Bewältigung der Trauma-Erfahrung sein», meint Leuzinger-Bohleber. «Die Gefahr, dass sie in eine schwere Krise hineinrutschen, ist dann geringer.» Anzeichen für eine solche Krise können Antriebslosigkeit und Aufgeben sein.

Offizieller Start war im Februar. Nach sechs Monaten will das hessische Sozialministerium Zwischenergebnisse auf dem Tisch haben, nach zwölf Monaten eine umfassende Analyse.

«Für uns sind das alles Menschen, keine Flüchtlinge», beschreibt Högel die Haltung der Helfer. «Michaelisdorf» heißt die Unterkunft, weil «Dorf» etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Gemeinschaft bedeute auch, etwas zu geben und etwas zu bekommen, erklären er und die SFI-Chefin.

Mitmachen sei wichtig, um aus Passivität herauszukommen. Nicht nur Essen, Schlafen, Essen, unterstreicht der stellvertretende DRK-Betriebsleiter der Unterkunft, Erik O. Martin. «Sonst verlieren sie ihre Fähigkeiten, die sie von zu Hause mitbringen und ihr Selbstwertgefühl.»

Ein Beispiel: Ein aus seiner Heimat Geflohener bekommt Hilfe etwa beim Einkaufen und Kochen in Deutschland. Dafür wird etwas zurückgegeben. «Männer fangen an, in der Holzwerkstatt zu arbeiten, Stühle zusammenzubauen, Betten zu reparieren», sagt Högel.

Leuzinger-Bohleber erzählt von einer hochschwangeren Frau, Mitte 20. Die Syrerin habe Schmerzen gehabt und nicht mehr gewusst, wie es weitergehen soll. «Die Frau sah sehr schlecht aus.» Deren Situation habe sich auch auf deren sechs Kinder übertragen. «Die lagen alle zurückgezogen zusammen im Bett. Und die, die sich zurückziehen, brauchen am meisten Unterstützung.»

Dann kam die Krisenintervention. Die Familie habe außerhalb der Flüchtlingsunterkunft eine Wohnung gefunden. Wenn Frauen Hilfe suchten, seien die Männer einverstanden. «Bisher haben wir noch nicht erlebt, dass Männer dagegen waren.»

Traumatisierungen seien spürbar. «Es sind stille und sich zurückziehende Menschen, die besonders intensiv betreut werden müssen», sagt Mariam Tahiri, Leiterin beim DRK-Sozialdienst im «Michaelisdorf». «Ein kleines, im stillen weinendes Mädchen spiegelt meines Erachtens nach die Schutzbedürftigkeit wider.» Sprachbarrieren? Es gebe Übersetzer - und bei Kindern laufe vieles nonverbal. Spannungen zwischen Nationalitäten und Religionen könne man «schnell durch Dialoge und besonders Aufklärungen abbauen».

Dass sich Helfer aus verschiedenen Gruppen in der Unterkunft in Darmstadt treffen, wird gleich ganz praktisch genutzt. Sie wollen noch bei der Familie der schwangeren Frau aus Syrien vorbeischauen und sich erkundigen, wie es ihr in der Wohnung geht.

(dpa)

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