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Favorit für die Präsidentenwahl: Warum Frankreich dem Charme Macrons verfällt

Umfragen zufolge könnte der unabhängige Kandidat, den Präsident Hollande groß machte, die Präsidentschaftswahl Anfang Mai gewinnen – nicht obwohl, sondern gerade weil er einen anderen Weg gehen will.
Der neue französische Wunderknabe Emmanuel Macron bei einer Wahlveranstaltung. Foto: FRANCOIS NASCIMBENI (AFP) Der neue französische Wunderknabe Emmanuel Macron bei einer Wahlveranstaltung.
Paris. 

„Das ist ein Verführer“, sagt die Dolmetscherin anerkennend, als sie auf den jungen Präsidentschaftskandidaten angesprochen wird, dessen Rede sie bei einer Veranstaltung simultan übersetzen sollte. Eigentlich sei sie es ja gewöhnt, dass Politiker bei solchen Ereignissen schnurstracks an ihr vorbei auf die Bühne marschieren. „Doch Emmanuel Macron kam kurz in mein Dolmetscher-Kämmerlein, um mich zu begrüßen. Er hat sich für meine Arbeit interessiert.“ Und das machte ihr mindestens ebenso viel Eindruck wie seine sachlichen Argumente.

Info: Die vier anderen Kandidaten

Neben Emmanuel Macron waren noch vier weitere Präsidentschaftskandidaten zu der französischen Fernsehrunde eingeladen: Marine Le Pen Die Chefin der ultrarechten Front National

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Verführen zu können gilt als wichtige Eigenschaft für französische Präsidentschaftsbewerber. François Mitterrand gelang es mit seiner noblen Kultiviertheit, Nicolas Sarkozy brachte eine unglaubliche Energie mit, François Hollande wiederum sympathische Gutmütigkeit, die ihn zumindest zunächst für viele Franzosen in einem positiven Licht darstellte.

Sollte Emmanuel Macron der nächste in dieser Reihe sein, dann auch, weil er charmant und zugleich souverän beim Publikum ankommt und unbeirrbar seinen Weg geht. Als er vor einem Jahr, damals noch als Wirtschaftsminister in der sozialistischen Regierung, seine eigene Partei „En Marche!“ („In Bewegung!“ oder „Auf geht’s!“) gründete, Ende August das Kabinett verließ und sich gegen seinen politischen Mentor Hollande in den Wahlkampf stürzte, hielten die meisten dieses Vorgehen für halsbrecherisch und aussichtslos. Macron hatte weder einen großen Parteiapparat hinter sich, noch eine lokale Verankerung. Eine Positionierung weder links, noch rechts versuchten außerdem schon andere vor ihm – erfolglos.

Doch dank sozialer Netzwerke wuchs „En Marche!“ schnell. Freiwillige Anhänger führten eine große Tür-zu-Tür-Befragung im ganzen Land durch und machten auf Basis der Antworten zu den Themen, die den Menschen am Herzen liegen, Vorschläge, die Macron in sein Programm einarbeitete. Dazu gehören der Umbau der Rentenversicherung, um beim Staat und in der Privatwirtschaft Beschäftigte gleicher zu behandeln, ein Investitionsprogramm und eine Lockerung des Arbeitsrechtes – anstatt die 35-Stunden-Woche pauschal abzuschaffen, sollen Vereinbarungen auf Betriebs- und Branchenebene gelten. Wählerwirksam verspricht der Sozialliberale aber auch die Abschaffung der Wohnsteuer und sieht in benachteiligten Vororten kleine Schulklassen und Prämien, als Anreize für Lehrer, vor. Als einziger Kandidat verpflichtet sich der 39-Jährige zudem, das Defizitkriterium von drei Prozent einzuhalten und wirbt für eine Vertiefung der europäischen Zusammenarbeit, vor allem innerhalb der Euro-Zone.

Heute zählt „En Marche!“ eigenen Angaben zufolge mehr als 200 000 Mitglieder und will bei den Parlamentswahlen im Juni in allen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellen. Denn sollte Macron bei den Präsidentenwahlen am 23. April und 7. Mai siegen, braucht er auch eine Mehrheit in der Nationalversammlung, um seine Ideen umsetzen zu können. Er hat angekündigt, sowohl mit der gemäßigten Linken wie der Rechten und natürlich der politischen Mitte zusammenarbeiten zu wollen – also mit allen „Progressisten“. Deshalb ist die Unterstützung des Chefs der Zentrumspartei MoDem François Bayrou, aber auch des grünen Ex-EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit so wichtig für ihn.

Schwäche der Gegner

Weil ihm Umfragen einen Sieg voraussehen und er als bester Kandidat gilt, um die Rechtspopulistin Marine Le Pen zu verhindern, wollen auch ausländische Regierungschefs Macron kennenlernen: Nach der britischen Premierministerin Theresa May empfing ihn letzte Woche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin, wo ihm außerdem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Mut zusprach. Der konservative Kandidat François Fillon soll wütend gewesen sein.

Macron steht nicht nur für Jugend und neuen Schwung, er profitiert auch von der Schwäche seiner Gegner: Marine Le Pen liegt in Umfragen im ersten Durchgang zwar an erster Stelle, doch ein Sieg bei der Stichwahl scheint unwahrscheinlich. Fillon ist durch das laufende Strafverfahren wegen des Verdachts der Scheinbeschäftigung seiner Frau und seiner Kinder als parlamentarische Assistenten stark geschwächt; ihm schaden weitere Vorwürfe wie die Enthüllung, dass er sich von Robert Bourgi, dem Anwalt afrikanischer Herrscher, Anzüge im Wert von mehreren tausend Euro schenken ließ. Die Sozialisten wiederum wählten mit Benoît Hamon einen Parteilinken zum Kandidaten, der sich zu abseitig positioniert, um die geeinte Partei hinter sich zu bringen. Immer mehr Sozialisten, darunter der Ex-Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, oder der Verteidigungsminister und Hollande-Vertraute Jean-Yves Le Drian, schließen sich Macron an. „Ich bin doch kein Gästehaus“, wehrte dieser ab, da er sich nicht zu sehr mit der Bilanz des ungeliebten Präsidenten identifizieren will.

Antwort auf den Verdruss

Schließlich erklärt er traditionelle Parteigrenzen überschreiten und alte Strukturen aufbrechen zu wollen. Im Fall einer Regierungsbildung verspricht Macron, ein verkleinertes Kabinett zu präsentieren, das nicht nur aus Berufspolitikern bestehen soll, sondern zumindest zur Hälfte auch aus Personen der Zivilgesellschaft. So antwortet er auf den Verdruss vieler Franzosen an einem System, in dem eine realitätsferne Elite nach ihren eigenen Regeln funktioniert – auch wenn der Arztsohn Macron selbst aus diesem System kommt, der nach einem Philosophiestudium ebenfalls die Kaderschmiede ENA besucht hat. Im Anschluss an diese Eliteausbildung trat er zunächst in die staatliche Finanzinspektion ein, das Kontrollorgan im Wirtschafts- und Finanzministerium. Er beteiligte sich an einer Kommission um den Ökonom Jacques Attali, die der konservativen Regierung unter Nicolas Sarkozy Reformvorschläge für die Wirtschaft vorlegte. 2008 wechselte er zur privaten Bank Rothschild & Compagnie, wo er schnell in die Geschäftsführung aufstieg und 2012 mit der Übernahme des Babynahrungsgeschäftes von Pfizer durch Nestlé ein Milliardengeschäft abwickelte.

Nach Hollandes Wahl ließ er sich als Wirtschaftsbe rater anheuern und gilt als mitverantwortlich für dessen unternehmerfreundlichen Kurs und eine Vereinbarung der Sozialpartner, der zufolge Betriebe als Gegenleistung für eine Abgabensenkungen mehr investieren und Jobs schaffen sollten. Zwei Jahre später wurde Macron zum Wirtschaftsminister befördert und arbeitete ein Liberalisierungsgesetz aus, das der Linksflügel der Sozialisten – darunter auch Ex-Minister Benoît Hamon – heftig bekämpfte. Unter anderen wurden dabei die Sonntagsarbeitszeit gelockert, der Fernbusverkehr geöffnet und der Zugang zu bestimmten Berufsgruppen wie Apotheker oder Notare erleichtert.

Seine Gegner brachte der selbstbewusste Minister immer wieder mit spontanen Aussagen gegen sich auf wie der Empfehlung, jeder junge Mensch solle „Lust haben, Millionär zu werden“. Macron hob sich klar vom früheren Premierminister Manuel Valls ab, indem er Merkels Flüchtlingspolitik ausdrücklich lobte. Auch im Wahlkampf provozierte er, etwa mit der Bemerkung, die französische Kolonisation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gewesen – solche Töne wollen viele in Frankreich nicht hören.

Seine Rivalen von Le Pen über Fillon bis Hamon haben aus Macron inzwischen ihre Hauptzielscheibe gemacht: Sie verweisen auf seine frühere Karriere als Investmentbanker, die ihn zu schnellem Reichtum brachte, während er sich noch nie einer Wahl gestellt habe. Lediglich ein hübsches Marketing-Produkt sei er, ätzte seine frühere Kabinettskollegin, Ex-Kulturministerin Aurélie Filippetti.

Zu vermarkten weiß sich Emmanuel Macron in der Tat. Mehrmals präsentierte er in den vergangenen Monaten sein Privatleben im Boulevardmagazin „Paris Match“, wo er sich Hand in Hand mit seiner 24 Jahre älteren Frau Brigitte zeigte, die ihn bei allen Auftritten begleitet. Kennengelernt hat er sie als 17-Jähriger am Jesuitengymnasium in seiner Heimatstadt Amiens, wo sie Französisch unterrichtete und gemeinsam mit ihm Theaterstücke und Literatur bearbeitete. „Ich werde Sie heiraten!“, soll er der Frau früh versprochen haben, die damals noch mit dem Vater ihrer drei Kinder verheiratet war und heute bereits siebenfache Großmutter ist. Und er hielt Wort. Vorhaltungen er sei in Wahrheit homosexuell und führe ein Doppelleben wies er offensiv und glaubhaft zurück. Gerade bei Frauen kommt Macrons ungewöhnliche Liebesgeschichte mit Brigitte gut an. Dass er aber auch in politischer Hinsicht nicht nur verführen, sondern auch führen kann, das muss er noch beweisen.

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