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Start-up: App für Begegnungen auf Augenhöhe

Die Gründer Zacharias Wittmann und Marten Welschbach wollen mit einer App behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammenbringen – für ein Konzert, ein Fußballspiel oder einfach eine Bahnfahrt.
Gründer Zacharias Wittmann will mit seiner App Behinderte und Nichtbehinderte für Freizeit-Events zusammenbringen. Gründer Zacharias Wittmann will mit seiner App Behinderte und Nichtbehinderte für Freizeit-Events zusammenbringen.
Frankfurt. 

Zacharias Wittmann brauchte viel Vertrauen, wenn er mit Bus und Bahn unterwegs war: in den Mobilitätsservice der Bahn, aber auch einfach in andere Menschen, die ihm bei seinen Reisen spontan geholfen haben. Der 27-Jährige sitzt im Rollstuhl, er ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Wittmann hatte die Idee zu seinem Unternehmen schon relativ früh. Er spielte als Jugendlicher Rollstuhlbasketball – in der Jugendnationalmannschaft. War daher viel unterwegs auf Bahnhöfen quer durch die Republik. Meist hat er gute Erfahrungen gemacht: „Es hat mich nie jemand stehen lassen oder die Hilfe abgelehnt.“

Außer einmal. Da ist es ihm passiert. Er stand am Bahnsteig und der Zug sollte losfahren. Der Schaffner winkte ab. „Die Schaffner dürfen aus versicherungstechnischen Gründen nicht beim Ein- und Aussteigen helfen“, meint Wittmann verständnisvoll gegenüber der Bahn. Aber in dem Moment stieg doch ein Grollen in ihm auf. „Da fing es an, dass ich langsam die Idee zu der App hatte.“ Und fügt dann lächelnd hinzu: „Die besten Ideen kommen einem unterwegs.“

Wittmann kennt sich aus mit Bahnsteigen. Und den Bedingungen bei Bahnreisen. Den Mobilitätsservice müsse man vorher buchen, meist einen Tag vor Abreise, sagt er. Da sei man wenig flexibel. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, eine Begleitperson kostenlos mitzunehmen. Und da genau setzte Wittmanns Idee an: Über eine Online-Plattform (später soll es auch eine App geben) sollen Leute zusammenkommen, die ein gemeinsames Interesse haben. Nämlich eine Reise mit Bahn oder Bus zu machen – oder eine Freizeitveranstaltung zu besuchen, ein Konzert, ein Theaterstück, Kabarett, ein Fußballspiel zum Beispiel. Dadurch, dass Behinderte meist ermäßigt zu solchen Veranstaltungen kommen und eine Begleitperson mitnehmen dürfen, teilt man sich den Ticketpreis und kommt so günstiger davon. „Es ist uns wichtig zu zeigen, hier haben zwei ein gemeinsames Interesse, das sie verbindet. Es soll nicht so sein, dass ich einfach jemand suche, der mir helfen kann“, erklärt Wittmann das Konzept. Daher auch der Name „Companion to go“. Ein Kompagnon. Für eine Begegnung auf Augenhöhe.

Einen Kompagnon fürs Gründen hat Wittmann schon 2012 gefunden. Im Studentenwohnheim in Marburg lernte er Marten Welschbach kennen. Beide sind gleich alt, beide haben eine Behinderung. So schmiedeten sie Pläne, wie sie das Ganze angehen könnten, und bewarben sich schließlich 2016 beim Social Impact Lab in Frankfurt, einer Initiative für soziale Innovationen, finanziert unter anderem durch die Förderbank KfW, das Bundesfamilienministerium und verschiedene Unternehmen und Organisationen. Hier fanden sie Aufnahme in das Programm „Anders gründen“.

Rechtsform noch unklar

Gegründet im strengen Sinne haben beide Kompagnons aber noch nicht. „Über die Rechtsform unseres Unternehmens sind wir uns noch nicht klar“, sagt Wittmann. Bisher ist das Angebot der Website auch noch kostenlos nutzbar. Später soll es dann eine Vermittlungsgebühr geben. „Eine Gemeinnützigkeit streben wir nicht an.“ Man will profitabel werden. Compagnion-to-go soll eine Marktlücke schließen. Über die Website seien in den ersten acht Tagen knapp 20 Events gelaufen. Ein Anfang ist gemacht. „Es gibt viele Menschen mit Behinderungen, die auf Verwandte oder Freunde angewiesen sind, um ausgehen zu können“, weiß Wittmann. „Wir wollen ihnen mit unserem Angebot mehr Freiheit und Unabhängigkeit bieten.“

Testphase in Hessen

Noch befindet sich die Website in der Testphase. Innerhalb Hessens sollen hier interessierte Behinderte und Nichtbehinderte zusammenkommen. Die Website ist barrierefrei, auch Blinde können sie über eine Vorlesefunktion nutzen. Ein nichtbehinderter Mitfahrer muss sich auf die Behinderung seines Kompagnons einlassen.

Wobei es meist nicht darum ginge, schwer zu heben. „Wenn ich auf eine Konzertveranstaltung gehe, brauche ich jemanden, der zum Beispiel mein Bier nimmt, denn im Rollstuhl benötige ich beide Hände, um durch eine volle Halle zu kommen.“

Es gibt auch eine Bewertungsfunktion, so dass Nutzer sehen können, wie die Erfahrungen mit der jeweiligen Person waren. Das gilt für beide Seiten. Das soll auch dazu beitragen, Missbrauch vorzubeugen. „Damit so was nicht passiert, dass jemand nach dem Zahlen an der Kasse einfach verschwindet.“ Auf der Website sollen die Behinderten angeben, welche Hilfe sie benötigen. Allerdings grenzt Wittmann auch hier ab, denn jemand, der professionelle Pflegeleistungen benötigt, wäre falsch bei dem Angebot.

Wittmann und Welschbach haben im Social Impact Lab, dem Co-Working Space, neue Kontakte geknüpft und so auch einen Mann für die Kommunikation und zwei Programmierer kennengelernt, die sie mit ins Gründerteam holen wollen. Im Sommer soll ihre App dann endgültig starten.

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