Aktuell zur IAA 2017: Asthma aus dem Auspuff

In Deutschland sind Stickoxid-Messstationen oft direkt an verkehrsreichen Straßen aufgestellt, in anderen Ländern ist das anders. Auch sonst gibt es in der Diesel-Debatte nicht immer dieselben Maßstäbe.
Stickoxide sind ungesund. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa Stickoxide sind ungesund.
Frankfurt. 

Dieselskandal, Grenzwerte, Fahrverbote - der Selbstzünder ist kein Selbstläufer mehr. Aber auf der Internationalen Automobilausstellung IAA (Publikumstage 16. bis 24. September) zeigt die Autoindustrie auch wieder Dutzende neue Dieselfahrzeuge.

Immerhin gelten die Stickoxid-Grenzwerte für die Straße nicht in den Frankfurter Messehallen. Der Kabarettist Bruno Jonas kam nach der seit zwei Jahren tobenden Debatte jetzt zu der Erkenntnis: „Wir brauchen Fahrverbote in geschlossenen Räumen!”

Wie gefährlich sind Stickoxide?

Die EU-Umweltagentur schätzt, dass in einem Jahr alleine in Deutschland 10 000 Menschen wegen der Luftverschmutzung mit Stickoxid (NOx) vorzeitig sterben. Mediziner, die als Sachverständige im Diesel-Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagten, halten diese Aussage aber für wissenschaftlich nicht haltbar.

Professor Thomas Kuhlbusch von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sagte, NO2 sei eine Ursache von Atemwegserkrankungen. NO2 gehört zu den Stickstoffoxiden. Professor Annette Peters vom Helmholz-Zentrum für Epidemiologie sagte, Asthmatiker zeigten Asthma-Symptome, wenn sie Stickoxide einatmen - besonders Kinder. Der Münchner Toxikologie-Professor Helmut Greim sagte, ein Zusammenhang von Luftverschmutzung und Asthma bei Kindern sei offenkundig. Zwar seien mehrere Stunden dauernde Belastungen von 3000 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft „für den Menschen gesundheitlich unbedenklich getestet worden”. Eine Langzeitbelastung von 60 Mikrogramm an einer stark befahrenen Straße sei gesundheitlich eher unbedenklich. Der EU-weite Grenzwert von 40 Mikrogramm sei vernünftig.

Welche Grenzwerte gibt es?

In den USA gelten 103 Mikrogramm als unbedenklich . Die EU hat die Empfehlung der Weltgesundheitsbehörde WHO übernommen: 40 Mikrogramm im Jahresmittel als Höchstwert. Er gilt auch für deutsche Straßen. Für Büros schreiben die deutschen Gesundheitsbehörden 60 Mikrogramm als Grenzwert vor. Für Beschäftigte mit einer 40-Stunden-Woche in Industrie und Handwerk sind dürfen es 950 Mikrogramm.„Ein Grenzwert ist immer ein politischer Wert”, er berücksichtige auch technische Möglichkeiten und wirtschaftliche Folgen, erklärte UBA-Fachreferent Marcel Langner.

Wer bläst Stickoxide in die Luft, und wie hoch ist die Belastung?

Seit der Wiedervereinigung ist die Luft in Deutschland viel sauberer geworden. Das gilt für Feinstaub ebenso wie für NOx. Laut Umweltbundesamt (UBA) sank die NOx-Belastung seit 1990 von 2,9 Millionen auf unter 1,2 Millionen Tonnen. Gut 60 Prozent davon stammen aus Kraftwerken, Industriebetrieben, Heizungen von Privathaushalten und der Landwirtschaft, knapp 40 Prozent aus dem Verkehr. Die Jahresmittelwerte lagen auf dem Land bei 10, in Städten zwischen 20 und 30 Mikrogramm NO2 je Kubikmeter Luft, und auch an den verkehrsnahen Messtationen blieben sie im Durchschnitt unter 40 Mikrogramm. Laut EU-Kommission werden jedoch in 28 Regionen in Deutschland diese Grenze überschritten. Spitzenreiter im vergangenen Jahr: das Stuttgarter Neckartor mit 82 Mikrogramm.

Wie wird gemessen?

Laut EU-Richtlinie sollen die Messstationen straßennah aufgestellt werden. In Deutschland wurden sie an neuralgischen Punkten errichtet, „das wurde sehr akribisch gemacht”, sagte Langner. Aber die EU lasse Ermessensspielraum. In Italien und anderen Ländern handelten die Behörden mitunter anders: „Wir sind genauer.”

Halten andere Länder die Grenzwerte ein?

Laut Greim liegt die mittlere NO2-Konzentration in Berlin bei 16, in Stuttgart bei 23, in London bei 34 und in Barcelona bei 38 Mikrogramm NO2. Laut EU-Kommission halten in Spanien drei Regionen die Grenzwerte nicht ein, in Italien zwölf, in Großbritannien 16, in Frankreich 19 und in Deutschland 28 Regionen. Wenn diese Staaten nicht rasch Luftqualitätspläne verabschieden, droht ihnen ein Verfahren wegen Verletzung der EU-Verträge.

Wie reagiert Deutschland?

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hält Fahrverbote für ältere Diesel für das effektiveste Mittel. Das wäre für viele Autofahrer, Pendler, Handwerker ein Fiasko, ebenso wie für die Autoindustrie. Laut Kraftfahrtbundesamt ist jedes dritte Auto in Deutschland ein Diesel. Aber der von den SUVs befeuerte Trend zum Diesel ist vorbei, die Debatte verunsichert Käufer: Im ersten Halbjahr waren nur noch 39 Prozent der Neuzulassungen Diesel. Beim Dieselgipfel im Kanzleramt sagte die deutsche Autoindustrie Software-Updates für fünf Millionen ältere Dieselautos zu. Außerdem will sie ältere Diesel mit hohen Rabatten beim Kauf neuer Autos aus dem Verkehr ziehen. Darüber hinaus wollen Bundesregierung und Industrie eine Milliarde Euro in den kommunalen Nahverkehr, Ladesäulen für Elektroautos und anderes investieren, um die Belastung zu senken. Auch die jetzt gesetzlich vorgeschriebenen Abgasmessungen im Straßentest sollen helfen, die Grenzwerte durchzusetzen.

Reicht das?

Ob Fahrverbote kommen, dürften das Bundesverwaltungsgericht und die Politik 2018 entscheiden. An Straßen könnte etwa die Hälfte der Belastung vom Verkehr kommen. Davon wiederum - da waren sich die Sachverständigen im Bundestags-Untersuchungsausschuss einig - stammt die Hälfte aus Dieselautos, die andere Hälfte aus Last- und Lieferwagen, Bussen und Benzinmotoren. Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sagte im Ausschuss, Audi, BMW Mercedes und VW hätten heute Dieselmotoren im Angebot, die einen NOx-Ausstoß auf Grenzwertniveau im Realbetrieb erreichten. Der Dieselmotor sei derzeit der umweltfreundlichste Antrieb, sagte Koch. „Wir haben das Thema Stickoxide wirklich gelöst.” Andere dagegen fordern einen radikalen Schnitt. Das Umweltbundesamt sieht es so: „Bessere Luft gibt es nur, wenn alte Diesel gegen wirklich saubere Autos getauscht werden. Das sind vor allem Benziner oder Elektroautos.”

(Von Roland Losch, dpa)
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