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Tennis: Was es heißt, ein Wunderkind zu sein

Von Auf den Spuren von Steffi Graf zu wandeln, klingt so abgedroschen. Auf Mara Guth aus Merzhausen träfe es zu, obwohl sie Steffi Graf nur aus Erzählungen kennt. Die 14-Jährige arbeitet auf eine Karriere als Tennisprofi hin. Sie und ihre Familie nehmen dafür vieles in Kauf.
Wenn sie spielt, ist es für sie wie in einem Tunnel: Nur voll konzentriert gelingt es Ausnahmespielerinnen wie Mara Guth, ihr bestes Tennis zu zeigen. Bilder > Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Wenn sie spielt, ist es für sie wie in einem Tunnel: Nur voll konzentriert gelingt es Ausnahmespielerinnen wie Mara Guth, ihr bestes Tennis zu zeigen.
Usingen. 

Dieser Text soll die Geschichte von Mara Guth erzählen, doch er beginnt mit ihrem Vater. Michael Guth ist gleichzeitig der Manager seiner Tochter, die eines der größten Tennistalente in Deutschland ist und das Zeug dazu hat, eine der besten deutschen Spielerinnen zu werden. Das kann man so schreiben, ohne Übertreibung.

Michael Guth, ein fokussierter und freundlicher Mann, steht in der Halle des Usinger THC und schaut seiner Tochter beim Training mit Coach Dante Magnoni zu. Court 1, im Hintergrund üben auf zwei weiteren Spielfeldern Senioren, gefühlt im Zeitlupentempo, den Sport aus, den Mara so überragend beherrscht. Ihr Vater, in Hemd und Sakko, strahlt etwas aus, das eine Mischung aus Stolz und Gewohnheit ist. Es spielt aber auch die Faszination über das Können seiner Tochter eine große Rolle. Als begreife er immer noch nicht, wie Maras Entwicklung verlaufen ist, seitdem ihre Großeltern Roswitha und Leo an einem Schnuppertag des UTHC Mara vorschlugen, doch auch einmal einen Tennisschläger in die Hand zu nehmen.

Michael Guth dreht seinen Kopf in Windeseile von links nach rechts und wieder zurück. Nur so kann er den Ballwechsel mitverfolgen, den sich Mara gerade mit Magnoni in rasantem Tempo liefert. Dann hält er inne und sagt: „Tennis ist Maras Leidenschaft. Solange sie das will und sie mitzieht und die Schule funktioniert, gehen wir diesen Weg mit. Es kann aber unfassbar viel passieren.“

Ein Meilenstein auf dem Weg, den Michael Guth meint, war in diesem Jahr die Entscheidung von Bundestrainerin Barbara Rittner. Sie berief Mara, die dreimalige deutsche Jugendmeisterin aus Merzhausen, in ihre neunköpfige Fördergruppe mit Spielerinnen der Jahrgänge 2002, 2003 und 2004, genannt Porsche Junior Team des Deutschen Tennis-Bundes.

Sieg beim Orange Bowl nach 1:6 und 0:3

Einen Hattrick der besonderen Art hat Mara Guth vom Usinger THC in der vergangenen Woche in Florida erlebt: Die dreifache Deutsche Meisterin der Schülerklasse hat zum dritten Mal in Serie am „Orange

clearing

Mara ist 14 und auch so drauf wie es ein Mädchen in ihrem Alter nun mal ist: Teilweise schon sehr erwachsen, manchmal aber auch noch kindlich. Sie besucht die neunte Klasse der Christian-Wirth-Schule in Usingen, wann immer es Tennistraining und Tennisturniere zulassen.

Mara hat eine positive Ausstrahlung und Einstellung zu vielen Dingen. Sie kann in dieser Lebensphase aber unmöglich schon wissen, was das Richtige für sie ist und was nicht. Noch entscheiden in diesem Alter die Eltern in wichtigen Punkten für ihr Kind, und das ist gut so. Jedoch bahnt sich für das Ehepaar Guth eine Entscheidung an, die das gesamte Leben ihrer Tochter und nicht zuletzt ihr eigenes stark beeinflussen wird.

Barbara Rittners Pläne

Beschreitet Mara den Weg so konsequent weiter wie bisher, dann wird sie schon um die Welt reisen und mit dem Tennisspielen ihr Geld verdienen, wenn andere Mädchen in ihrem Alter den ersten Freund mit nach Hause bringen, sich langsam aufs Abitur vorbereiten und noch keinen blassen Schimmer haben, was das Leben für sie noch alles bereithält. Schon im Jahr 2019 kann es so weit sein, dass Mara eine Laufbahn als Tennisprofi einschlägt. Bis dahin haben Rittner und der DTB viel vor. Die Spielerinnen werden Trainingslager besuchen, zu Turnieren rund um den Globus reisen.

Dieser nächste Entwicklungsschritt ist für die größten deutschen Tennistalente der ultimative Belastungstest. Dabei ist die Belastung schon jetzt enorm hoch. Für Mara, für ihre Mutter Nicole, die auf den Reisen ihrer Tochter meistens dabei ist, sich aber auch liebevoll um Maras achtjährige Schwester Antonia kümmert, für ihren Vater Michael, den Manager.

Berühmte Tennis-Väter

Wenn es um „Wunderkinder“ und Tennis-Väter geht, dann fliegen die Gedanken automatisch zu Steffi Graf und Vater Peter, obwohl diese Erfolgsstory schon so lange her ist. Viele sagen noch heute, Steffi Graf sei als Tennisspielerin unerreicht. Ihr inzwischen verstorbener Vater sorgte aber für Schlagzeilen, die der Ausnahmeathletin das Leben erschwerten. Tennis-Väter kommen manchmal als Egoisten oder Rüpel rüber. Die frühere Weltklassespielerin Jennifer Capriati zerbrach nach dem Drill durch Vater Stefano an dem Rummel um ihre Person. French-Open-Siegerin Mary Pierce erwirkte vor Gericht, dass sich ihr cholerischer Vater Jim ihr und ihrer Familie nicht mehr nähern darf.

Alles Geschichten, die zum Tennis-Zirkus gehören. Geschichten, die so gar nicht zu Familie Guth passen. Die Eltern machen den Eindruck, ihre Tochter unbedingt unterstützen zu wollen, wenn es darum geht, Träume zu verwirklichen. Sie sind aber auch jederzeit bereit, einen Cut zu machen, wenn es das Beste für ihre Tochter wäre.

Mara hat von Steffi Graf gehört, natürlich. Jeder, der Tennis spielt, hat vom einstigen Wunderkind aus Brühl gehört. Aber ein Spiel gesehen? „Nein“, lächelte Mara im Gespräch vor ihrem Training. Dafür von Rafa umso mehr. Bei Rafa glänzen ihre Augen, wie sie bei einer 14-Jährigen glänzen, die an ihren Schwarm denkt. Begeistert ist Mara Guth von Rafael Nadal aber wegen seines Könnens: Der mittlerweile 31-jährige Spanier ist immer noch einer der besten Tennisspieler der Gegenwart. „Ich mag seine Spielart“, sagt Mara, „es sind immer gute Ballwechsel.“ Und er spielt auf Sand am besten, ihrem Lieblingsbelag. Die Biografie Nadals hat Mara verschlungen.

Chancenloser Coach

Das Mädchen brennt für Tennis, das ist vor und während das Trainings jederzeit zu spüren. Wie sonst wäre eine solch hohe Trainingsintensität auszuhalten? Sie schlägt, nein, sie drischt die Bälle übers Netz. Vorhandtraining. Immer wieder die gleiche Bewegung. Teilweise 20, 30 Schläge am Stück. Wenn der Ball im Aus landet und Trainer Dante Magnoni ihn trotzdem zurückspielt, um das Tempo hochzuhalten, ärgert sich Mara noch während des Schlagens. Manchmal spielt sie dann statt cross (diagonal) longline (die Linie entlang). Noch eine Stufe härter, so dass Magnoni ihm nur hinterherstaunen kann. Der 45-Jährige war Weltranglisten-Spieler und verdient jetzt als Trainer sein Geld. Gecoacht hat er beispielsweise schon Wimbledon-Siegerin Jana Novotna. Der Venezolaner steht morgens bis abends in der Halle. Durch die Einheiten mit Mara bleibe er topfit, sagt er und lächelt. Danach müsse er immer erst mal duschen gehen.

Mit Magnoni trainiert die 14-Jährige, aber auch mit dem Argentinier Carlos Tarantino, ihrem ersten Trainer, der Maras Talent sofort erkannte. „Als sie mit sechs ihre erste Kreismeisterschaft gewonnen hat, haben wir eine große Familienfeier veranstaltet“, lächelt Vater Michael, „und die Oma hat extra einen Kuchen gebacken.“ Seitdem seien die Ziele immer größer geworden, einzelne Siege, auch Turniersiege hätten dadurch an Wert verloren. Für ihn. Für seine Tochter nicht.

Mara kann nur zufrieden sein, wenn sie gewinnt. Vor ein paar Monaten konnte das Mädchen bei ihrer täglichen Trainingseinheit, die meistens direkt nach der Schule stattfindet, plötzlich nicht mehr aufschlagen. Diagnostiziert wurde ein Haarriss am Knochen in der Schulter. Zehn Wochen dauerte es, bis Mara wieder richtig fit war. Trotzdem stürmte sie bei den deutschen U-14-Meisterschaften direkt ins Finale. Aber eben nicht oben aufs Podest. Von dort winkte dann Doppelpartnerin Julia Middendorf aus Visbek in Niedersachen, die keine lange Verletzungspause hatte. Das ist es, was Michael Guth vor allem damit meint, dass unfassbar viel passieren kann.

Sponsoren gesucht

Den Faktor Geld spricht Vater Guth ebenfalls offen an. Der spielt im Leistungssport Tennis immer eine große Rolle, weil Profispieler es zu Reichtum und Wohlstand für sie und ihre Mitmenschen bringen können. Um erst einmal dorthin zu kommen, muss aber auch viel eigenes Geld in die Hand genommen werden. „Ohne Sponsoren geht es nicht mehr“, sagt Michael Guth. Und die sind für eine Individualsportlerin in jugendlichem Alter schwer zu finden, trotz regelmäßiger Berichte in der regionalen Presse und einer Homestory, die ein privater Fernsehsender bereits ausstrahlte. Guth hat einen guten Job im Usinger Rathaus, er leitet das Haupt- und Personalamt. Der Mann ist gut vernetzt, kann sich und den Sport seiner Tochter super verkaufen. Um Maras Karriere aber bezahlen zu können, muss er sich trotz Unterstützung des Tennis-Bunds gewaltig strecken.

Ein Stab an Betreuern

„Es benötigt mittlerweile einen ganzen Stab an Personen, die sich intensiv um Mara und ihre sportliche Entwicklung kümmern“, erzählt Michael Guth. Den Großteil des Trainingsbetriebs deckt der Heimatverein Usinger THC mit seinen beiden Profitrainern ab, für den sich Guth als Jugendleiter engagiert. Für die körperliche Fitness sorgen Marco Büttner in Frankfurt und Myriam Färber in Usingen, die Merzhausenerin Melanie Zöller hilft als Physiotherapeutin und Heilprakterin. Alles in enger Abstimmung mit den Verantwortlichen des DTB.

Auch die Schule spielt mit. Dafür ist die Familie Guth sehr dankbar. Jedoch muss Mara, da sie oft unterwegs ist, immer wieder nachträglich Lerninhalte pauken, Klausuren nachschreiben. Auf Klassenkameradin Lisa kann Mara sich verlassen. Sie schreibt und bringt ihrer Freundin dann alles mit. Das Problem: „Wenn ich weg bin, kann ich mich manchmal nicht so gut aufs Lernen konzentrieren“, sagt Mara. „Wenn ich ein Turnier spiele, dann bin ich voll drin.“

Spielen im Tunnel

Auf dem Court erreicht das Riesentalent dann den Gipfel der Fokussierung. „Wenn ich nervös bin, spreche ich nichts mehr. Bei den ersten Ballwechseln zittere ich noch. Wenn ich aber im Tunnel bin, spiele ich einfach – und dann mein bestes Tennis.“

Die großen Champions ihres Sports kommen aus dem Tunnel gar nicht mehr raus. Das ist der Grund, weshalb Roger Federer während einer Partie kaum Regung zeigt und die Emotionen erst nach großen Siegen aus ihm herausströmen.

Von Steffi Graf gibt es ein Video, in dem sie als schüchternes Mädchen sagt, dass sie die Nummer eins werden möchte. Es wird in Filmen über ihre Karriere immer gezeigt. Eine Laufbahn, in der sie 186 Wochen ununterbrochen die beste Tennisspielerin der Welt war. Mara Guth sagt, nach ihrem Ziel befragt: „Ich würde gerne ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.“ Das Mädchen aus Merzhausen sagt es direkt. Voller Überzeugung und mit einem unbekümmerten Lächeln.

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