E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Neu-Isenburg 26°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Fußball: Wie unser TZ-Reporter das Wunder von Bern erlebte

Alle vier Jahre bringen Weltmeisterschaften Geschichten hervor, die bei Fußballfans für immer im Gedächtnis bleiben. Mitarbeiter dieser Zeitung erzählen in loser Reihenfolge, was sie Besonderes mit einem Turnier verbinden. Wir beginnen heute nicht mit irgendeiner, sondern mit einem Stück deutscher Geschichte.
Kapitän Fritz Walter und Horst Eckel (rechts) werden von begeisterten Anhängern aus dem Stadion in Bern getragen. Bilder > Foto: dpa (dpa) Kapitän Fritz Walter und Horst Eckel (rechts) werden von begeisterten Anhängern aus dem Stadion in Bern getragen.
Bad Homburg. 

Ich zählte mit meinen Eltern zu jenen sechzig Millionen Deutschen, die am 4. Juli 1954 fiebernd vor dem Radiogerät saßen. Wir lauschten gebannt den emotionalen Worten des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann, der übrigens mit uns weder verwandt noch verschwägert ist. Wir zählten damals noch nicht zu den Wenigen, die zu Hause das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft am Fernsehschirm verfolgen konnten. Ein TV-Gerät, die moderne und mondäne Laterna Magica, kostete 1150 D-Mark, die nicht jeder zur Hand hatte. Gerade mal in 27 000 Haushalten gab es einen solchen Fernseher.

Eigentlich wollte ich mich auf die Klausuren im Frankfurter Abendgymnasium für Berufstätige vorbereiten, doch letztlich überwog die Fußballbegeisterung über das Büffeln von Lateinvokabeln und Mathematikformeln. Ich hätte vielleicht mit etwas Glück in einer Gaststätte einen Sitzplatz vor der Flimmerkiste ergattern oder das Großereignis vor einem Schaufenster verfolgen können. Ich zog aber die häusliche Atmosphäre vor, um mich ganz auf das Spiel konzentrieren zu können.

Als verspätetes Geburtstagsgeschenk, tags zuvor war ich 23 geworden, wünschte ich mir einen Sieg unserer Mannschaft, die nach dem 3:8-Debakel in der Vorrunde gegen die in ihren letzten 31 Länderspielen unbesiegten Ungarn als krasser Außenseiter galt. Allerdings hatte Bundestrainer Sepp Herberger, dieser Fuchs, die B-Elf aufs Feld geschickt, um die siegesgewohnten Magyaren in Sicherheit zu wiegen. Als der englische Schiedsrichter William Ling das Finale vor mehr als 60 000 Zuschauern in Bern sieben Minuten zu früh anpfeift, schlägt auch mein Herz bis zum Halse. Just so, als ginge es in diesem Spiel um Leben und Tod. Den rund 30 000 deutschen Anhängern muss es bei strömendem Regen im Wankdorf-Stadion ähnlich gehen.

Welch eine Dramatik hat das Spiel: Ungarn führt bereits nach acht Minuten durch Tore von Puskas und Czibor mit 2:0. Am liebsten hätte ich wutentbrannt das Radio aus dem Fenster geschleudert. Doch schon bald scheint sich das Blatt zu wenden. 18 Minuten sind in der (Rutsch-)Partie gespielt, da steht es 2:2. Morlock und Rahn haben getroffen. Welch ein Wechselbad der Gefühle – und welch unbeschreiblicher Jubel dann in der 84. Minute, die Reporter Herbert Zimmermann schildert: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Aber die Zuschauer, sie halten aus. (...) Jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer. Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von Ungarn abgewehrt. Bozsik am Ball. Er hat den Ball... verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Toooor! Toooor für Deutschland! Linksschuss von Rahn! 3:2 für Deutschland!“

„Wäre das Spiel nur schon zu Ende“, denke ich mir. „Make an end, please“, möchte ich Mr. Ling signalisieren. Die quälenden Minuten verrinnen so langsam wie beim Zahnarzt, wenn er bohrt. Aber sie verrinnen. Abpfiff, Jubel auch im Wohnzimmer der Zimmermanns. Wir liegen uns in den Armen. Der Außenseiter wird Weltmeister. Die Aschenbrödel-Fußballnation hat’s der Welt gezeigt. Zur Feier des Tages holt meine Mutter eine Flasche Rotwein aus dem Keller, ein seltenes Erlebnis im Hause Zimmermann.

Und die deutsche Mannschaft? Fritz Walter, Toni Turek, Helmut Rahn, der sechsfache Torschütze Max Morlock und Mitspieler gehen als die „Helden von Bern“ in die Geschichte ein. Für die Spieler gibt es neben der Siegprämie von 2200 D-Mark einen Kühlschrank, einen Goggo-Motorroller mit 9,5 PS und – Sie ahnen es – ein nigelnagelneues Fernsehgerät.

 

Zur Startseite Mehr aus Hochtaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen