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Mord an Susanna: Mordverdächtiger im Fall Susanna wohl älter - Härtere Strafe?

Der mutmaßliche Mörder Ali B. ist vermutlich bereits 21 Jahre alt - und damit vor Gericht kein Heranwachsender mehr. Für einen möglichen Strafprozess hat das erhebliche Auswirkungen. Der Grund für den Fehler könnte ein simpler Zahlendreher sein.
Ali B., der Tatverdächtige im Todesfall Susanna, wird von Beamten aus einem Helikopter zum Polizeipräsidium Westhessen gebracht. Foto: Boris Roessler Ali B., der Tatverdächtige im Todesfall Susanna, wird von Beamten aus einem Helikopter zum Polizeipräsidium Westhessen gebracht.
Wiesbaden/Frankfurt/Main. 

Susannas mutmaßlicher Mörder Ali B. war im Gegensatz zu ersten Angaben zum Tatzeitpunkt vermutlich bereits 21 Jahre alt. Damit gälte er vor Gericht nicht mehr als Heranwachsender und müsste im Falle einer Verurteilung mit einer deutlich härteren Strafe rechnen, teilte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden am Dienstag mit. Die neue Altersangabe ergebe sich unter Vorbehalt aus Informationen des irakischen Generalkonsulates in Frankfurt am Main, sagte Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass Ali B. bewusst seine Identität verschleiert hat, sondern vermuten ein Missverständnis.

Der irakische Flüchtling Ali B. wird verdächtigt, die 14-jährige Susanna in Wiesbaden vergewaltigt und getötet zu haben. Nach einer Flucht in den Irak war er am Samstag im Beisein von Bundespolizisten mit dem Flugzeug wieder nach Deutschland gebracht worden. Bei seiner Vernehmung gestand er, das aus Mainz stammende Mädchen umgebracht zu haben, bestritt aber eine Vergewaltigung. Er sitzt in Frankfurt in Untersuchungshaft.

Nach mündlicher Auskunft des Konsulates wurde Ali B. im März 1997 geboren und nicht wie zunächst angenommen im November 1997, sagte der Staatsanwalt. Dem Konsulat lägen entsprechende Ausweisdokumente vor. Da der Staatsanwaltschaft bisher noch nichts schriftlich vorliege und die Informationen nicht überprüft worden seien, stünden sie noch unter Vorbehalt.

Falls die Auskunft stimmt, wäre der Iraker zum Zeitpunkt der ihm zur Last gelegten Tat nicht wie bisher angenommen 20 Jahre alt gewesen. Dies hätte «für ihn erhebliche Folgen für das Verfahren», sagte der Staatsanwalt. Bei einem Täter von 20 Jahren hätte das Gericht prüfen lassen können, ob er wegen «Reifemängeln» noch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden kann, erläuterte Oberstaatsanwältin Christina Gräf. Das geht mit 21 Jahren nicht mehr - Ali B. müsste bei einer Verurteilung wegen Mordes mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen.

Beim zunächst falschen Alter von Ali B. kann es sich aus Sicht der Ermittler um ein Missverständnis gehandelt haben. Auf den irakischen Dokumenten sei der 11.3.1997 als Geburtsdatum vermerkt, bei der Übertragung ins Deutsche sei auf dem Asylantrag dann der 3.11.1997 daraus geworden. Es könne sich schlicht um einen Zahlendreher handeln, sagte Gräf.

Auch bei seinem Namen geht die Staatsanwaltschaft nicht von einer bewussten Fälschung aus: Aus den im irakischen Konsulat vorliegenden Papieren gehe hervor, dass sein Name vier Bestandteile habe. Bei den Behörden in Deutschland habe Ali B. davon dann zwei angegeben: Seinen Vornamen und den Namen seines Vaters. «Das spricht nicht dafür, dass bewusst falsche Personaldaten angegeben wurden», sagte Gräf. Das irakische Konsulat halte die ihm vorliegenden Papiere für echt.

Die im Konsulat liegenden Papiere sollen Kopien irakischer Identitätskarten - vergleichbar deutscher Personalausweise - sein. Die Familie von Ali B. soll sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft selbst dort abgegeben haben, als sie dort die für die Ausreise sogenannte Laissez-Passer-Dokumente beantragte. Das Konsulat habe diese Papiere nach Angaben der Staatsanwaltschaft damals ausgestellt.

Bei der Ermittlungsarbeit der Polizei in dem Fall sieht die Staatsanwaltschaft derweil keine Versäumnisse der Polizei Wiesbaden. Zur Arbeit der Polizei Mainz könne sie sich aber nicht äußern. Dort sei Susanna aber noch ein reiner Vermisstenfall gewesen, sagte Gräf. Die Polizeiarbeit sei am Rande Gegenstand der Ermittlungen.

Der Fall Susanna sorgt seit Tagen deutschlandweit für Aufsehen, auch Kritik an der Polizeiarbeit wurde laut. Eine der Fragen ist, ob die Polizei die Leiche schneller hätte finden können, wenn sie direkt umfassender nach dem Mädchen gesucht hätte.

Ali B. wird verdächtigt, die 14-jährige Susanna am Abend des 22. Mai oder in der darauffolgenden Nacht vergewaltigt und umgebracht zu haben. Am Tag darauf meldete die Mutter die Schülerin in ihrem Wohnort Mainz als vermisst. Am 29. Mai sagte eine Bekannte von Susanna der Mutter, dass ihre Tochter tot sei und die Leiche an einem Bahngleis in Wiesbaden liege. Einen Tag später, am 30. Mai, übernahm die Polizei Wiesbaden federführend die Ermittlungen von ihren Kollegen aus Mainz. Am 6. Juni wurde Susannas Leiche gefunden. Ali B. war bereits Tage zuvor mit seiner Familie in den Irak geflohen.

Bis zur Übernahme durch die Wiesbadener Polizei sei Susanna ein reiner Vermisstenfall gewesen, sagte Gräf. Erst in Wiesbaden habe der Verdacht eines Tötungsdelikts im Raum gestanden, dann sei direkt «durchgängig mit sehr hohem Polizeiaufgebot» gesucht worden. «Wir sehen überhaupt keine Versäumnisse», bekräftigte die Staatsanwältin.

Das genaue Obduktions- und das Auswertungsergebnis möglicher DNA-Spuren dauere noch einige Tage, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Nach der Vernehmung von Ali B. müssten seine Aussagen auch mit Spuren an der Leiche abgeglichen werden. Ali B. hatte unter anderem ausgesagt, dass er aufgrund von Verletzungen im Gesicht von Susanna, die infolge eines Sturzes entstanden sein sollen, befürchtet habe, dass das Mädchen die Polizei informieren werde. Dies sei sein Motiv gewesen, sie umzubringen.

Wann sich Ali B. vor Gericht für die ihm zur Last gelegte Tat verantworten muss, ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch unklar. Er habe einen Pflichtverteidiger zugewiesen bekommen.

Der Leichnam von Susanna wurde am Dienstag in einer privaten Trauerfeier auf dem jüdischen Friedhof in Mainz beigesetzt. Der Polizei zufolge waren rund 100 Trauergäste dabei, darunter auch Gäste im Alter der getöteten Jugendlichen. Zuvor hatte der SWR über die Beisetzung berichtet.

(dpa)

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