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Im Gespräch mit einer Tantra-Masseurin: Tantra - Prostitution oder Lebenseinstellung?

Tantra, eine Jahrtausende alte Tradition, gerät immer mehr in Verruf. Doch woran liegt das eigentlich? Das aus dem Sanskrit stammende Wort steht für Kontinuität, Befreiung und Bedingungslosigkeit. Doch in der westlichen Gesellschaft hat es schon lange den faden Beigeschmack von Prostitution. Wir haben uns mit einer Tantra-Masseurin getroffen, um über Vorurteile, Sichtweisen und die Bedeutung von Tantra zu sprechen.
Bilder > Foto: Christophe Braun
Offenbach.  Yvonne Werner (49) kommt ursprünglich aus Hamburg. Der Liebe wegen hat es sie nach Hessen verschlagen, genauer gesagt nach Offenbach. In einem ganz normalen Mehrfamilienhaus führt die gelernte Kosmetikerin nun schon seit zehn Jahren erfolgreich ein Tantra-Massage-Studio. Sie selbst nennt es liebevoll eine „Schule für Berührungskunst“. Der knarzige Holzboden, die hohen Decken und die gemütliche Einrichtung machen es einem leicht, sich dort wohl zu fühlen. Yvonne ist glücklich dort, ihre „Gäste“ sind zufrieden und auch die Hausgemeinschaft hat kein Problem mit ihrer Tätigkeit.



Doch obwohl alles so schön sein könnte, gibt es nun ein Problem. Seit dem 1. Juli 2017 gilt das sogenannte Prostitutionsschutzgesetz (ProstSchG). Dieses soll das meist sehr undurchsichtige Rotlichtmilieu etwas transparenter machen und durch neue Gesetze für mehr Ordnung sorgen. Was nach einem vermeintlich guten Plan klingt, ist für Yvonne jedoch existenzbedrohend. Denn seit diesem Tag gilt die Tantra-Massage als eine Handlung, die unter den Begriff der Prostitution fällt.
Wir haben uns mit ihr getroffen um über ihre Ängste, Tantra und die damit verbundenen Erfahrungen zu sprechen.



Hast Du Sex mit Deinen Kunden?
Yvonne (lacht): Das denken am Anfang viele. Ich begegne häufig Vorurteilen. Aber nein, ich habe keinen Sex mit meinen Kunden. Die sexuelle Energie spielt zwar eine Rolle, aber wir haben keinen Sex.

Was meinst du mit sexueller Energie?
Yvonne: Das ist die Lebensenergie. Ohne Sexualität verkümmern wir.



Jetzt frage ich mich aber schon, was dich eigentlich von einer Prostituierten unterscheidet. Wie läuft so eine Massage denn ab?
Yvonne: Wenn der Gast  kommt, gibt es erst mal ein Vorgespräch. Man gibt ihm etwas zu trinken und die Zeit anzukommen. Dann zieht er sich aus und zieht sich ein Tuch an, ein Lunghi. Wir starten im Stehen mit einer kurzen Meditation, dann beginne ich mit ganz sanften Berührungen. So kann er sich an meine Energie gewöhnen und ich mich an seine. Dann erst legen wir uns hin. Beide Partner sind während der Massage nackt. Jedoch geht es dabei nicht um den sexuellen Aspekt…

…sondern?
Yvonne: Um Gleichberechtigung, darum, sich auf gleicher Höhe zu begegnen. Bei der klassischen Massage geht man immer vom entferntesten Punkt des Körpers aus und massiert zum Herzen hin. In einer Tantra-Massage will ich die Herzenergie im Körper verteilen. Also beginne ich eigentlich immer in der Körpermitte, beim Herzen, und arbeite mich dann nach außen vor. Ich versuche, eine Herz-zu-Herz-Verbindung herzustellen. Bei der Tantra-Massage entsteht eine starke Verbindung zwischen dem Massierten und dem Masseur. Nach der Massage gebe ich dem Kunden Zeit und Ruhe, damit er der Erfahrung noch einen Moment lang nachspüren kann. Auch für mich können das ganz starke, intensive Momente sein. Ich erinnere mich an die erste Massage, die ich gegeben habe – ich habe dabei geweint . Es kommt häufig vor, dass auch Gäste anfangen zu weinen, weil sie so überwältigt sind von dieser absichtslosen, liebevollen Nähe, die sie so noch nie erfahren haben.



Was meinst du mit absichtslos?
Yvonne:  Ich beabsichtige nicht, ihn oder sie möglichst schnell zum Orgasmus zu führen. Das ist nicht das Thema. Ich berühre. Das ist ein ganz sanftes Streicheln, ein Annehmen, eine Verehrung der Geschlechtsorgane. Wenn es zu einem Orgasmus kommt ist das schön – aber es ist nicht das Ziel.

Was ist denn das Ziel einer Tantra-Massage?
Yvonne: Als Masseurin möchte ich das Herz und die Seele eines Menschen erreichen. Er soll sich entspannen, ganz bei sich ankommen, einfach nur sein. Im Tantra lernt man sich selbst kennen – und man lernt, sich selbst so anzunehmen und zu lieben, wie man ist. Das ist, glaube ich, ganz wichtig. Denn nur, wenn ich mich selbst ganz annehme, mit allem, was zu mir gehört, kann ich auch andere annehmen. Tantra ist eine Lebenseinstellung.

Also ist Tantra etwas für jeden…
Yvonne: … Auf jeden Fall! Für Männer Frauen, alte und junge Menschen. Ich würde sogar sagen, dass Tantra auch etwas für Jugendliche ist. Man muss ja nicht den Intimbereich dazu nehmen. Bei der Sexualkunde in Schulen geht es um die organischen Dinge. Aber wann wird den Kindern vermittelt: Sei achtsam und gut zu dir selbst, lass nichts über dich ergehen, was dir nicht zu 100 Prozent zusagt, mach, was dir Spaß macht und nichts nur dem Anderen zuliebe? Je mehr Menschen mit dem Tantra in Berührung kommen, desto friedlicher wird die Welt. Denn Tantra vermittelt die richtigen Werte: Wärme, Nähe, Achtsamkeit, Liebe und Respekt.



Gibt es Leute, die sich schämen, wenn sie zum Höhepunkt kommen und das vielleicht gar nicht wollten?
Yvonne: Wenn da ein Thema dahintersteckt, auf jeden Fall. Ich habe sehr oft Frauen, aber auch Männer, mit Missbrauchshintergrund. Wahrscheinlich, weil das meine eigene Geschichte war. Ich ziehe das an. Nicht nur Missbrauch in sexueller Hinsicht, sondern generell. Und es gibt Menschen, die auch im hohen Alter noch nie sexuellen Kontakt zum anderen Geschlecht hatten. Da geht es dann tatsächlich ums Lernen der Berührung. Die Angst davor zu verlieren, etwas falsch zu machen oder irgendetwas nicht zu können. Ich kann sagen, alle, die bei mir waren, und das waren schon einige, leben heute in einer glücklichen Partnerschaft, und das ist ein Geschenk.

Wirst du auch angefasst?
Yvonne: Ich lasse mich nicht berühren, denn es geht ja nicht um mich. Ich gebe meinen Körper nicht für sexuelle Zwecke her. Ich finde, das ist auch ein großer Unterschied zur Prostitution. Ich habe auch schon mal eine Massage abgebrochen. Der Gast hat nicht verstanden, worum es geht und hat immer wieder nach mir gegriffen und mich festgehalten. Wenn jemand nicht belehrbar ist und sich überhaupt nicht auf Tantra einlässt, dann muss er wirklich zu einer Prostituierten gehen. Deshalb finde ich das neue Prostitutionsschutzgesetz auch unverhältnismäßig.



Dieser Gesetzesänderung nach, die seit dem 1. Juli gilt, sind Tantra-Massagen sexuelle Dienstleistungen.
Yvonne:  Richtig. Und das ist ein großes Problem für uns, da sich nun einiges ändern wird.

Zum Beispiel?
Yvonne: Wir müssen uns einer Gesundheitsberatung unterziehen und wir kriegen einen „Hurenpass“. Das ist eine Bescheinigung, wie ein Ausweis, den wir immer mit uns tragen müssen, um ihn gegebenenfalls vorzuzeigen. Meine Kollegen und Kolleginnen haben alle einen Hauptberuf und Tantra als Leidenschaft. Die eine studiert und will in Zukunft mit Kindern arbeiten. Ein Bankangestellter, eine Yogalehrerin, eine Meditationslehrerin, ein Consultant oder eine Zahnarzthelferin sind dann von Rechtswegen anerkannte Prostituierte, die sich über die Gesundheitsgefährdung durch Prostitution belehren lassen müssen. Es ist doch eigentlich ein Witz, wenn es nicht so traurig wäre. Ich fürchte, da machen viele dann einfach nicht mehr mit und das kann für mein Studio tödlich sein.



Interessant. Sie machen das also wirklich nur, weil sie sich mit Tantra identifizieren?
Yvonne: Ja genau. Auch wenn sie Tantra lieben – ihren Hauptberuf geben sie dafür natürlich nicht auf. Auch das Bauamt hat jetzt Mitspracherecht, ob wir an diesem Standort bleiben dürfen, weil wir ja dann eine prostitutionsähnliche Stätte sind. Nach zehn Jahren ist es nun nicht sicher, ob ich diese Räume behalten darf. Ich kriege mit, dass in Frankfurt hier und da "Tantra" draufsteht. Ob da wirklich Tantra drin ist, wage ich beim Blick auf die Websites aber zu bezweifeln. Das ist, glaube ich, auch der Grund, weshalb wir jetzt in dieses Prostitutionsschutzgesetz mit reinfallen, obwohl WIR da aus meiner Sicht gar nichts mit zu tun haben.

Du bist seit 13 Jahren verheiratet. Was sagt dein Mann dazu, dass du Tantra Masseurin bist?
Yvonne:  Anfangs war er skeptisch – wie die meisten Menschen, die zum ersten Mal mit Tantra in Berührung kommen. Dann hat er sich damit beschäftigt und selbst eine Basisausbildung absolviert. Seitdem steht er hundertprozentig hinter dem, was ich tue. Er weiß, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer Tantra-Massage und Sex. Auch in meinem Freundeskreis lieben mittlerweile alle das Tantra.



Gibt es einen Moment an den du dich besonders gerne erinnerst?
Yvonne: Eine meiner Kundinnen war schon 76 Jahre alt, als sie bei einer Tantra-Massage ihren ersten Orgasmus hatte.

Wow.
Yvonne: Ja, das war ein besonderer Moment. Ich war einfach dankbar, dass ich ihr diese Erfahrung schenken durfte.  

Vielen Dank, Yvonne, für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Olivia Heider
 
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