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Spektakuläre Funde: Wiege der Menschheit in der Pfalz?

Von Sie sind fast zehn Millionen Jahre alt, und sie schlagen eine Brücke zu unseren berühmtesten Vorfahren „Lucy“ und „Ardi“: Im rheinhessischen Eppelsheim haben Mainzer Forscher zwei Backenzähne eines Menschenaffen gefunden – und stehen vor einem Rätsel.
9,7 Millionen Jahre alte Zähne gefunden Bilder > Foto: - (Naturhistorisches Museums Mainz) Wissenschaftler bei Ausgrabungen in den Dinotheriensanden von Eppelsheim in Rheinland-Pfalz.
Mainz. 

Es ist nichts weniger als eine Sensation, die zu völlig neuen Erkenntnissen über die Geschichte der Menschheit führen könnte: Zwei Backenzähne, zehn Millionen Jahre alt, unglaublich gut erhalten. „Wir können mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass unsere Zähne aus der Zeit vor 9,7 Millionen Jahren stammen“, sagt Herbert Lutz, Paläontologe und stellvertretender Direktor des Naturhistorischen Museums in Mainz: „Wir haben definitiv einen Menschenaffen vor uns.“

Damit gehören die beiden Zähne zu den ältesten, jemals in Europa gefunden Überresten unserer Vorfahren, jener Hominoiden, aus denen sich nach dem heutigen Stand der Forschung vor vielleicht sieben, vielleicht fünf Millionen Jahren der Homo Erectus entwickelte. Bislang siedeln die Forscher die Wiege der Menschheit in Afrika an – doch die Funde aus Eppelsheim werfen neue Fragen auf. „Wir müssen heute beginnen, die Geschichte der Menschheit umzuschreiben“, prophezeit der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD).

Student wurde fündig

Gefunden wurden die beiden Zähne im September 2016 im rheinhessischen Eppelsheim. Hier floss einst vor zehn bis 15 Millionen Jahren der Ur-Rhein von Worms quer durch Rheinhessen nach Bingen. Die Sedimentschichten von Eppelsheim werden seit hundert Jahren erforscht, 1820 wurde hier der weltweit erste Fund eines fossilen Menschenaffen gemacht: der Oberschenkelknochen eines Paidopithex rhenanus.

Schädel von Ur-Elefanten, Reste von Säbelzahntigern und Urpferden – 25 prähistorische Säugetierarten wurden in Eppelsheim erstmals überhaupt gefunden. 2001 übernahm das Mainzer Museum die Stätte vom Frankfurter Senckenberg-Museum, 2016 sollte eigentlich mit den Grabungen Schluss sein – als ein Student einen Fund meldete. In einer Sedimentschicht am Boden des Ur-Rheins lagen im Abstand von 60 Zentimetern Entfernung die beiden nur acht Millimeter kleinen Zähne im prähistorischen Sand.

Ein gleichzeitig gefundener Zahn eines Urpferdes erlaubte eine erste Datierung: Zwischen 11,1 Millionen Jahren, dem Auftauchen des Urpferds, und der Mittel-Vallesischen Krise vor 9,7 Millionen Jahren. Die Krise, eine Klimaveränderung, kühlte das subtropische Klima in Mitteleuropa stark ab, in der Folge starben die Menschenaffen in unseren Breiten aus. „Wir haben einen der letzten Mohikaner gefunden“, sagt Lutz.

„Uns traf fast der Schlag“

Doch zu welcher Art gehört das Eppelsheimer Exemplar? Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Monatelang stellten sie Vergleiche mit anderen Fossilien an – nichts passte. In ganz Europa gab es keinen vergleichbaren Fund. Dann stießen sie auf eine Publikation von 2009, „und uns hat fast der Schlag getroffen“, berichtet Lutz. Der Eppelsheimer Backenzahn gleicht haargenau dem Zahn eines der berühmtesten Vorfahren der Menschheitsgeschichte: Ardipithecus ramidus, genannt Ardi, der vor 4,4 Millionen Jahren in Äthiopien lebte. Mehr noch: Der spitzer zulaufende Eckzahn gleicht verblüffend einem Eckzahn von „Lucy“, der berühmtesten Vorfahrin der Menschheit. Doch Lucy lebte vor 3,2 Millionen Jahren in Afrika, gut sieben Millionen Jahre nach dem Eppelsheimer Exemplar. „Die Zähne passen, aber es ist der falsche Ort und die falsche Zeit, damit kommen wir im Moment nicht klar“, sagt Lutz: „Wir sind da ziemlich ratlos.“ Nun sollen externe Experten bei der Lösung des Rätsels helfen, intensive Untersuchungen der Zähne folgen.

„Die Arbeit beginnt jetzt erst“, sagt Lutz – zumal in der Eppelsheimer Grube weitere Sensationen warten könnten: Der Schädel des Menschenaffen vielleicht, weitere Reste seines Skeletts – oder anderer Tiere seiner Population. Der menschliche Vorfahr, sagt Lutz, „war ja nicht ein Individuum, das wie Robinson allein in Rheinhessen hockte.“

 

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