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War früher alles besser?

Werte unterliegen wie die Gesellschaft selbst einem stetigen Wandel. Nicht selten hängen viele Menschen den „alten Zeiten“ nach und beschwören Wunschvorstellungen herauf, in denen früher alles besser gewesen ist. Doch welche Werte waren den Menschen vor Jahren überhaupt wichtig? Marianne Hahn aus Hünfelden-Kirberg erzählt.
Ihre eigene Jugend beschreibt Marianne Hahn als „behütet“. Vieles hat sich seitdem verändert. Foto: Leoni Dowidat Ihre eigene Jugend beschreibt Marianne Hahn als „behütet“. Vieles hat sich seitdem verändert.
Hünfelden. 

„Es war einfach eine andere Zeit.“ Es ist der Satz, der am häufigsten fällt, wenn Marianne Hahn aus Hünfelden-Kirberg darüber spricht, wie sich die Menschen und ihre Werte im Laufe der Jahre verändert haben. 1941 in Wiesbaden geboren, lebt die Rentnerin schon lange in Kirberg. Sie ist in der Nachkriegszeit groß geworden, was nicht nur ihre Jugendzeit, sondern ihr ganzes Leben geprägt hat. „Früher war den Menschen einfach nur wichtig, dass sie ein Dach über dem Kopf und von allem ,genug‘ haben“, erinnert sie sich und fügt hinzu: „Und dass es keinen Krieg mehr gibt.“ Darüber hätten die Erwachsenen sich oft unterhalten.

Aus dem „Genug haben“ sei heute jedoch ein großes „Mehr“ geworden. „Heute will jeder gleich ein Haus bauen, ein größeres Auto kaufen, einfach mehr haben. Das waren Werte, die früher einfach nicht so wichtig waren“, erzählt Marianne Hahn. „Und verreisen will jeder, jeder möchte lange Urlaube machen – und wenn möglich, nicht nur in Bayern.“ Familie habe in ihrer Kindheit einen viel größeren Wert gespielt, vor allem ihren Großeltern habe sie sich sehr verbunden gefühlt. „Es kommt mir oft so vor, dass Oma und Opa heute nicht mehr so einen großen Stellenwert im Leben ihrer Enkel einnehmen, wie das früher war“, bedauert sie.

Ohnehin hätte sich auch der Alltag junger Menschen immens verändert. „Ich selbst habe mit 14 Jahren eine Lehre angefangen und Geld verdient. Heute können Kinder und Jugendliche, salopp gesagt, in die Schule gehen, solange sie möchten.“ In ihren Augen führe das dazu, dass der Nachwuchs heute nicht nur später flügge werde, sondern auch weitaus später selbstständig. „Darauf haben unsere Eltern aber auch geachtet: dass wir schnell eigenes Geld verdienen“, fügt sie hinzu. Denn Geld habe schon immer eine wichtige Rolle gespielt, wenn sich auch die Bedeutung materieller Werte gewaltig verändert habe. „Es war damals einfach wichtig, dass es reicht“, schließt Marianne Hahn. Dabei sei sie noch recht behütet aufgewachsen, als Tochter eines Küsters.

Jeden Sonntag zur Kirche

Aus diesem Grund haben auch Religion und Kirche für sie immer einen großen Platz in ihrem Leben eingenommen. „Wir waren schon recht häufig in der Kirche, als wir jung waren“, erinnert sie sich. Zweifel am eigenen Glauben hatten für Marianne Hahn und ihre Altersgenossen da kaum Platz. „Ob wir beispielsweise konfirmiert werden oder nicht, stand gar nicht zur Debatte. Oder ob wir in den Gottesdienst gehen. Darüber haben wir gar nicht nachgedacht“, sagt sie. Früher war es einfach ein Teil des gesellschaftlichen Lebens, zur Kirche zu gehen.“ Wenn sie heute den Gottesdienst besuche, seien die Reihen oft leer. „Selbst die Konfirmanden müssen ja heute nicht mehr in den Gottesdienst gehen! Da steht der Pfarrer manchmal mit einem einzigen Schäfchen alleine“, so Marianne Hahn.

Doch der sonntägliche Kirchengang sei nicht der einzige traditionelle Wert, der seit ihrer Jugend ordentlich Federn gelassen habe. „Die Menschen heiraten später“, stellt die Rentnerin fest.

Woran das ihrer Meinung nach liege? „Vor 40 Jahren war man gesellschaftlich einfach an viele Dinge gebunden: Wenn man zusammenziehen wollte, musste man eben heiraten“, sagt sie. Heute wohnten bereits Paare zusammen, die erst wenige Wochen zusammen sind. „Heute ist es ja auch gar kein Problem, ein Kind zu haben, ohne verheiratet zu sein.“ Als ledige Frau Mutter zu werden, sei damals ein gesellschaftliches Tabu gewesen. „Gerade hier auf dem Land war es für Frauen, die ohne Mann schwanger geworden sind, sehr schwierig.“

Schwul war ein Tabu

Darüber habe man jedoch genauso wenig gesprochen wie über gleichgeschlechtliche Beziehungen. Darauf angesprochen muss Marianne Hahn erst einmal kurz nachdenken. „Also, so wie in der heutigen Gesellschaft, dass man ganz offen über Personen sagt: ,Der ist schwul…’ – das wäre früher nicht machbar gewesen. Das haben wir damals gar nicht erst aussprechen dürfen!“ Die Selbstverständlichkeit, welche die Gesellschaft hier heute an den Tag legt, imponiere ihr jedoch: „Ich finde es viel besser, wenn jeder offen damit umgehen kann!“ Früher war eben doch nicht alles besser…

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