Der Ex-Minister und das Arbeiterkind

Von In der arabischen Welt kämpfen die Bürger für ihr Wahlrecht, doch in Deutschland wollen nur wenige über ihren Oberbürgermeister entscheiden. Das muss sich ändern, meint Jürgen Trittin, Chef der Bundestagsfraktion der Grünen. Bei einem Zwischenstopp auf dem Weg von Kairo nach Berlin unterstützte er den Wahlkampf der Oberbürgermeister-Kandidatin Rosemarie Heilig.
Darf ich vorstellen: Frankfurts künftige Oberbürgermeisterin. Jürgen Trittin stand gestern OB-Kandidatin Rosemarie Heilig zur Seite.	Foto: Rainer Rüffer Darf ich vorstellen: Frankfurts künftige Oberbürgermeisterin. Jürgen Trittin stand gestern OB-Kandidatin Rosemarie Heilig zur Seite. Foto: Rainer Rüffer

Kein großer Bahnhof vor dem Harmonie-Kino in Sachsenhausen. "Renate Künast und ich sind die einzigen Fraktionsvorsitzenden, die immer ohne Polizeischutz unterwegs sind", erzählt Jürgen Trittin. Der frühere Umweltminister und heutige Fraktionschef ist an diesem Morgen aus Kairo nach Frankfurt gekommen und – "zum Entsetzen meiner Familie" – nicht direkt nach Berlin weitergereist.

Und so steht der 57-Jährige jetzt in Anzug (Konfektionsgröße 106) und Krawatte ("Ich war gerade noch bei der Börse") vor rund 100 Anhängern der Grünen, darunter viele Mandatsträger, auf der Kino-Bühne. Neben ihm, zwei Jahre jünger und zwei Köpfe kleiner, Rosemarie Heilig in schwarzem Kleid und grünem Schal, mit erkältungsbedingt belegter Stimme. Der Promi und die OB-Kandidatin hatten vorher noch nie miteinander zu tun. Eingefädelt hat den Wahlkampfauftritt Omid Nouripour, Vorstandssprecher der Frankfurter Grünen und als Bundestagsabgeordneter mit Trittin gut bekannt.

Soziale Spaltung stoppen

Es sollte keine der üblichen Wahlveranstaltungen werden, hatten sich die Grünen vorgenommen. Ein Film wird an diesem Abend gezeigt. "Nichts ist besser als gar nichts" von Jan Peters spielt in Frankfurt, zeigt die Welt von Geringverdienern und abenteuerlichen Geschäftsmodellen. Eine Dokumentation mit sozialem Gewissen. "Mit dem Film habe ich auch ganz persönliche zu tun", sagt Heilig. Sie fühlt sich veranlasst, in ihrer knappen Rede von ihrer eigenen Biographie zu erzählen. "Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und habe gegen den Widerstand meines Vaters das Abitur gemacht." Daraus zieht sie die Folgerung für ihre Politik: "Mir ist es wichtig, dass sie soziale Spaltung gestoppt wird."

Hilfesuchend wendet sie sich an Trittin, fragt ihn, wie denn der Bund die Städte bei der Finanzierung der sozialen Ausgaben helfen könne. Ein Patentrezept hat der nicht dabei. Der Repräsentant des linken Parteiflügels spricht sich für den Abbau von "Subventionen" wie Ehegattensplitting und Vermögensteuer aus. Auch die Forderung nach einer Finanz-Transaktionssteuer bekräftigt er. Sein Besuch bei der Börse habe ihn in der Auffassung bestärkt, dass dadurch die Finanzbranche nicht zusammenbrechen werde. Und von den Steuereinnahmen sollten auch die Kommunen profitieren. "Wir müssen unsere Städte handlungsfähig halten", betont er. Ein hoher Anteil von Kindern lebe in Hartz IV-Familie, ihnen müsse eine Perspektive geboten werden. "Wenn die Kommunen pleite sind, können sie das nicht leisten".

Gesellschaft mitgestalten

Trittin versucht aber an diesem Abend, der unter dem etwas abgegriffenen Motto "Global denken, lokal handeln" steht, vor allem eine andere Botschaft zu vermitteln. "Ich stand gestern auf dem Tahrir-Platz in Kairo", berichtet er. "Dort haben Ägypter unter Einsatz ihres Lebens um das Recht zu wählen gekämpft." Der Grüne sagt das unter dem Eindruck der notorisch niedrigen Beteiligung an der Direktwahl von Oberbürgermeistern – vor fünf Jahren lag sie in Frankfurt gerade mal bei einem Drittel. Die Ereignisse in Ägypten, meint Trittin, seien auch ein "Aufruf an die etablierten Demokratien, die Gesellschaft mitzugestalten". Auf lokaler Ebene gebe es dafür die besten Möglichkeiten. Rosemarie Heilig könne als Oberbürgermeisterin die "Demokratie wieder anregen", sagt Trittin, dem es gefallen würde, wenn erneut eine Frau in das Amt des Stadtoberhaupts gewählt würde. "Da habt ihr ja eine ganz gute Tradition", ruft er in Hinblick auf Petra Roth. Die kommt in dem anschließend gezeigten Frankfurt-Film nicht vor. Aber Trittin kann den ohnehin nicht zu Ende sehen. Er muss dann doch heim zur Familie nach Berlin.

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