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Skeleton: Wie Tina Hermann aus Hirzenzain Olympionikin wurde

Als erste Mittelhessin kann Tina Hermann eine Medaille bei Winterspielen gewinnen. In den vier Läufen am Freitag und Samstag zählt sie zu den Favoritinnen.
Tina Hermann beim Start mit ihrem Skeleton Foto: MARK RALSTON (AFP) Tina Hermann beim Start mit ihrem Skeleton

Wenn Tina Hermann am Freitag und Samstag auf ihrem Skeleton durch den Eiskanal des Alpensia-Sliding-Zentrums talwärts rast, drücken sie ihr natürlich auch in der Heimat die Daumen. Im Eschenburger Ortsteil Hirzenhain im Wetteraukreis. Dort, wo alles begann. Am Eiershäuser Hang. Auf der Hausstrecke des Ski-Clubs Hirzenhain, dessen Vorsitzender Tinas Vater Horst ist. Dort gewann die kleine Tina schon mit sieben Jahren die Vereinsmeisterschaft der Frauen. Es folgten Siege auf Bezirks- und Landesebene. Das blonde Mädchen träumte von einer erfolgreichen Laufbahn. Und freilich vor allen von den Olympischen Spielen.

Nun ist die 25-Jährige dort angekommen. Und findet immer besser in die Spur. Nach schwierigen Einheiten an den Vortagen gelang der Vizeweltmeisterin gestern im Abschlusstraining in 52,62 Sekunden die schnellste Zeit im zweiten Lauf. Im ersten Durchgang hatte ihre deutsche Teamkollegin Jacqueline Lölling in 52,32 die Bestzeit gesetzt. „Das war der beste Tag heute, auch wenn noch kleinere Fehler drin waren“, sagte Lölling. Die 23-Jährige ist Weltmeisterin und Weltcup-Gesamtsiegerin, sie geht als Favoritin in ihr erstes Olympia-Rennen. Sie stammt aus dem nicht einmal 50 Kilometer von Eschenburg entfernten Brachbach im Siegerland.

Auch Hermann fand am letzten Trainingstag „langsam die Konstanz“ auf der schwierigen Strecke. Dennoch hat sie großen Respekt vor dem ungewohnten Olympia-Format mit vier Läufen: „Das ist ein Haufen Zeug. Du musst sehr konzentriert bleiben, und die Strecke hat mehrere Kniffelpunkte. Neben Kurve neun ist auch die Kurve zwei schwer zu treffen.“ Die ersten beiden Läufe werden am Freitag um 12.20 Uhr und 13.20 Uhr ausgetragen. Tags darauf folgen die beiden letzten Durchgänge. Als dritte deutsche Frau ist Anna Fernstädt (siehe linksstehenden Text) am Start, auch sie fand gestern mit den Plätzen fünf und sechs in die Spur. Zu den Mitfavoritinnen gehören die britische Olympiasiegerin Lizzy Yarnold und ihre Landsfrau Laura Deas sowie Janine Flock (Österreich) und Elisabeth Vathje (Kanada).

Schon immer „verrückt“

Tina Hermann wechselte im zarten Alter von zwölf Jahren aus ihrem Dorf, das sportlich vor allem durch seine Segelflieger von sich reden macht, ins Skigymnasium nach Berchtesgaden. Gegen die Mädchen aus den Alpen hatte sie keine Chance im Kampf um die Plätze im Leistungskader. Das Ende der Laufbahn auf der Piste wird zum Beginn einer neuen Karriere.

Mit dem Kopf zuerst auf einem Schlitten den Berg runter gefahren war sie schon als Kind. „Ich war schon immer eine ganz Verrückte und habe alles ausprobiert“, lacht Tina Hermann. Verrückt müssen die Skeletonis schon ein bisschen sein. Wer stürzt sich schon mit bis zu 140 Kilometern pro Stunde einen Eiskanal hinunter? Den Kopf nur wenige Millimeter über dem Boden. „Nach meiner ersten Fahrt wusste ich sofort: Das ist mein Sport“, erinnert sie sich.

In „ihrem Sport“ nimmt die 25-Jährige nun zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil. Der Mädchen-Traum wird wahr. Sie genießt das Leben im olympischen Dorf. Sie hofft noch, die Ski-Helden Aksel Lund Svindal – „eine Granate“ – und Marcel Hierscher sowie natürlich ihr einstiges Idol Lindsey Vonn zu treffen. Aber Dabeisein ist für die Bundespolizistin freilich nicht alles. „Mit einer Medaille um den Hals“ will sie aus Südkorea zurückkommen, setzt sich die Pilotin des WSV Königssee selbst hohe Ziele: „Egal, mit welcher.“ Als Weltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin von 2016 und Nummer zwei der gerade beendeten Rennserie gehört sie schließlich zum erlauchten Kandidatenkreis. „Die Zielstellung ist genau die Gleiche wie in der gesamten Saison“, versucht sich auch Trainer Dirk Matschenz gar nicht erst in Understatement: „Wir brauchen hier nicht über eine Top-Zehn-Platzierung zu reden.“

„Sie hat schon Chancen, aber im Sport kann viel passieren“, sagt Vater Horst Hermann. Der kennt sich aus. Verfolgt alle Rennen seiner Tochter in Europa vor Ort. Und er flog gestern zur Unterstützung nach Südkorea. „Aus dieser Nummer kam ich nicht mehr raus“, schmunzelt der begeisterte Wintersportler. Solche Vaterpflichten erfüllt er schließlich gern. Mutter Elisabeth bleibt zu Hause in der Hirzenhainer Faulchenstraße. „Sie hält das nervlich nicht aus“, sagt ihr Mann. „Sie regt sich selbst vor dem Fernseher unheimlich auf“, weiß Tochter Tina. Morgen und übermorgen werden mittags fast alle im gut 2000 Einwohner zählenden Ort vor dem Bildschirm mitfiebern. Schließlich könnte Tina Hermann als erste Mittelhessin eine Medaille bei Winterspielen gewinnen.

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